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Dirty Angels

Italien, 1969

  • Originaltitel: Vergogna schifosi
  • Alternativtitel:

    A Noite da Vergonha (BRA)

  • Regisseur: Mauro Severino
  • Kamera: Angelo Lotti
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Giuseppe D'Agata, Mauro Severino
  • Inhalt:

    Ein bereits vor etlichen Jahren von Statten gegangener Unglücksfall mit Todesfolge wird den drei Verursachern eines schönen Tages wieder unverhofft zum Verhängnis, da ihnen ein Unbekannter nicht nur kompromittierendes Bildmaterial aus der unheilvollen Nacht zustellt, sondern sie damit auch noch erpresst. Aber was geschah eigentlich damals genau?

     

    Sechs ganze Jahre ist es nunmehr her, dass sich die drei liebestollen Heranwachsenden Lea (Marília Branco), Vanni (Daniël Sola) und Andrea (Roberto Bisacco) in einem Mailänder Gästehaus einfanden, um sich dort dann ungehemmt ihren sexuellen Vorlieben hinzugeben. Doch leider nahm das lustvolle Happening in diesem Fall kein endorphinhaltiges Happy End, da einen zuvor von der Straße wegrekrutierten Bettkameraden inmitten eines flotten Dreiers urplötzlich der hundsgemeine Herzschwächetod ereilte, obwohl auch dieser zuvor nur die gewöhnliche Menge des üblichen leistungssteigernden Stoffs verabreicht bekam. Völlig geschockt über die Folgen ihres hemmungslosen Liebesspiels entsorgten die drei Bettakrobaten daraufhin zunächst einmal den Leichnam des verblichenen Unbekannten, bevor sie sich dann gegenseitig schworen, nie wieder in ihrem weiteren Leben auch nur ein Sterbenswörtchen über die verhängnisvolle Nacht zu verlieren.

     

    Soweit, so gut! Da den drei gesellschaftlichen Aufsteigern aber zwischenzeitlich das ominöse Erpresserfoto unvermittelt ins Hause flatterte, müssen sie sich nun gezwungenermaßen wieder mit ihrer bereits verdrängten Schandtat auseinandersetzen und legen somit auch gleich mit der Suche nach dem möglichen Erpresser los. Und bereits am nächsten Tag gerät dann auch schon ein alter Weggefährte namens Carletto (Lino Capolicchio) ins Visier der verdorbenen Brut, da dieser genau zum Zeitpunkt des Erpressungsversuchs völlig unerwartet von Rom nach Mailand zurückkehrte, um dort dann eine langersehnte Kunstausstellung auszurichten. Bleibt also nur noch die Frage, ob es den Dreien gelingen wird, Carletto die Tat schlussendlich auch beweisen zu können, soweit dieser überhaupt hinter der wahren Täterschaft steckt...?

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    "Shame on you, swine!" 

     

    So in etwa dürfte dann auch die englischsprachige Übersetzung des vorliegenden Films lauten, welcher im Jahre 1969 von dem italienischen Regisseur und Drehbuchautor Mauro Severino (AMORE VUOL DIR GELOSIA, TUTTI POSSONO ARRICCHIRE TRANNE I POVERI, TRAVOLTO DAGLI AFFETTI FAMILIARI) auf die Beine gestellt wurde. Dabei handelt es sich um einen zwar kleinen, aber auch durchaus feinen Intrigenthriller der etwas besonderen Art, da dessen dezent delirierender Inszenierungsstil eindeutig der damaligen Zeitdekade geschuldet ist und somit auch nahtlos in die bereits bestehende Riege “acidhaltiger” Gialli wie z.B. DAS LUSTHAUS TEUFLISCHER BEGIERDEN, SEX OF THE DEVIL, PERVERSION STORY, ICH BIN WIE ICH BIN – DAS MÄDCHEN AUS DER CARNABY STREET, ISTANTANEA PER UN DELITTO oder auch IN THE FOLDS OF THE FLESH eingereiht werden kann. Abseits von schwarzen Handschuhpaaren, vermummten Killern oder hochglanzpoliertem Schlitzwerkzeug entpuppt sich VERGOGNA SCHIFOSI! auf den ersten Blick als ein sowohl vermeintlich unspektakulärer als auch spannungsarmer Kriminalfilm mit frühem Gelbeinschlag, dessen Geschichte einen auch nicht so richtig vom Hocker zu reißen vermag. Auf den zweiten, durch die zeitgeschichtliche Brille gerichteten Blick wirkt diese verschrobene Inszenierung jedoch schon eher wie ein filmisch-ungeschliffener Rohdiamant der damaligen Filmepoche, welche wiederum bis in die Haarspitzen von den gerade erst kurz zuvor freigesetzten Strömungen der 68er Generation durchdrungen war. Kein Wunder also, dass sich auch VERGOGNA SCHIFOSI! als ein unkonventionell inszenatorisches Machwerk herausstellt, welches mich gerade aufgrund dessen sowohl faszinieren als auch durchwegs begeistern konnte. Angesiedelt in einem menschenleeren Mailand erzählt uns Mauro Severino eine Geschichte über drei kaltherzige Mitglieder der feinen Gesellschaft, die aufgrund einer fremdbestimmten Konfrontation mit einer bereits längst verdrängten Missetat mächtig ins Straucheln geraten, da sie unter keinen Umständen ihren zwischenzeitlich errungenen gesellschaftlichen Stellungsgrad als auch ihren mehr oder minder beruflichen Erfolg aufs Spiel setzen möchten und somit von nun an fast alles dafür tun, um hinter die wahre Identität des geheimnisvollen Erpressers zu gelangen. Und zur Erlangung ihres Ziels sind ihnen in letzter Instanz auch weiterhin alle Mittel recht...

    Um schließlich das Gefühl der Einsamkeit und der inneren Gefühlsleere der drei Hauptakteure und deren rückgratloser Sippschaft zu verbildlichen, bemächtigte sich der Regisseur zahlreicher Zwischenschnitte, die dann wiederum Bilder einer sowohl menschenleeren als auch zugleich totstillen Großstadt zeigen. Dabei verfehlen die gezeigten Bilder ihre beabsichtigte Wirkung in keinster Weise, denn die gespenstige Leere der Mailänder Innenstadt wirkt schon schwer bedrückend auf das Gemüt des Zuschauers. Und genau so bedrückend wirkt dann auch die damit versinnbildlichte existenzielle Leere der vermeintlich besseren Gesellschaftsmitgliedern, zu denen sich dann auch ganz unverhohlen unsere drei Hauptprotagonisten zählen.

     

    Die Dame des lüsternen Trios hört auf den Namen Lea und wird von der heißblütigen Brasilianerin Marília Branco (EL JUSTICERO, ANUKA – MANEQUIM E MULHER, IL SORRISO DEL RAGNO) dargestellt. Beruflich gesehen ist Lea zwar eine fertig studierte, aber im wahren Leben auch weiterhin untätige Grundschullehrerin, die sich am liebsten im ausbeuterischen Luxus ihrer kapitalistischen Lebenswelt suhlt. Obwohl Frau Branco auf eine recht überschaubare Filmkarriere zurückblicken kann, gelang es ihr zu Beginn der 60er kurzzeitig den italienischen Schauspielstar Adolfo Celi zu ehelichen, wobei die Vermählung bereits zur Mitte des Jahrzehnts schon wieder in die Brüche ging und kurz darauf geschieden wurde. Im vorliegenden Film turnt unsere feine Lea also hemmungslos durch fremde Betten, obwohl sie eigentlich mit dem vermögenden Filippo (Ivano Davoli) verheiratet ist. Dabei wirkt die Beziehung der beiden lediglich wie eine Zweckgemeinschaft, da beide Ehepartner schon längst ihre Nächte in getrennten Betten verbringen und auch im Alltag ihre Wege eher gesondert beschreiten, denn für unsere “Lady Milano” scheint es sich passend zur Oberflächlichkeit ihrer mondänen Lebenswelt ausschließlich um den eigenen Vorteilsgewinn zu drehen. Und daher fröhnt sie auch weiterhin tagtäglich ihrem dekadenten Lebensstil im puren Luxus, wozu dann auch ein extravagantes Katerfrühstück in Form einer gefrorenen Melone der Güteklasse A zählt.

     

    Der Nächste im Bunde hört auf den Namen Vanni und wird von Daniël Sola (SCHÜSSE IM 3/4 TAKT, PUSSCAT PUSSYCAT – I LOVE YOU, YOUR HANDS ON MY BODY) verkörpert. Dabei scheint der erfolglose Architekt gemeinsam mit der energischen Lea die treibende Kraft des freizügigen Trios zu sein, da der Dritte im Bunde – Andrea – eher zur Drückebergerfraktion gezählt werden kann. Dargestellt wird der Hasenfuß von dem italienischen Schauspieler Roberto Bisacco (DELITTO AL CIRCOLO DEL TENNIS, DIE KLETTE, FRÄULEIN DOKTOR), der Gialloliebhabern in erster Linie aus Sergio Martinos TORSO – DIE SÄGE DES TODES bekannt sein dürfte. Im Rahmen ihrer ständig wiederkehrenden Lustorgien nimmt der bekennende Voyeurist Andrea entsprechend die passive “Peeping Tom” Rolle ein, da er dem wonnevollen Treiben viel lieber von einem abseitig positionierten Stuhl aus zuschaut, anstatt sich aktiv an der wollüstigen Bettakrobatik zu beteiligen. Und nachdem urplötzlich die Erpresserfotos die Tür hereingeschneit kamen, bekommt Andrea die kältesten Füße von allen und unterbreitet daraufhin seinen beiden verbündeten Beischläfern sogleich das heuchlerische Angebot, sich gegen eine Zahlung einer verhandelbaren Geldsumme von der unangenehmen Sache frei kaufen zu können. Doch bekanntlich ist mitgehangen auch zugleich mitgefangen, was dann schlussendlich auch für Andrea zählt.

     

    Und dann wäre da natürlich auch noch der etwas exaltiert wirkende Hauptprotagonist Carletto, welcher dann wiederum von keinem geringeren als dem unvergleichlichen Lino Capolicchio (METTI UNA SERA A CENA, DER GARTEN DER FINZI CONTINI, DIE KILLER DER APOKALYPSE) verkörpert wird. Zwar dürfte sein Bekanntheitsgrad hierzulande in erster Linie seiner Beteiligung an den beiden Gialli DAS HAUS DER LACHENDEN FENSTER und BLUTIGER SCHATTEN geschuldet sein, obwohl er im Verlauf seiner Filmkarriere natürlich auch noch viel denkwürdigere Darbietungen ablieferte. So z.B. sein preisnominierter Auftritt in Roberto Faenzas ESCALATION, worin er dann den dauermeditierenden und tripmampfenden Hippie Luca Lambertenghi spielt. Da aber sowohl sein unkonventioneller Lebenswandel als auch sein geplanter Indien-Trip ein Dorn im Auge seines großkapitalistischen Vaters (Gabriele Ferzetti) sind, vermittelt dieser ihn kurzer Hand an die welbeste Psychotherapeutin Carla Maria (Claudine Auger) weiter, damit diese den entgleisten Sohnemann nicht nur von seinen fehlgeleiteten Lebensvorstellungen heilt, sondern ihm zugleich auch noch die fest beschlossene Indienreise abspenstig macht. Und wie bereits der Filmtitel erahnen lässt, eskaliert das unfreiwillige Zusammentreffen dann im weiteren Filmverlauf zunehmends, bis dem ahnungslosen Zuschauer schließlich zum Filmende hin endgültig die Kinnlade herunterklappt.... Als ein weiterer denkwürdiger Auftritt blieb mir seine Darbietung in Brunello Rondis YOUR HANDS ON MY BODY in Erinnerung, worin Lino Capolicchio den etwas sonderbaren Fotokünstler Andrea mimt, der sich aufgrund eines festsitzenden Kindheitstraumas in keine feste Beziehung mit einer Frau einlassen kann und diesen somit gegenüber andauernd sonderbare Verhaltensweisen an den Tag legt, wozu dann auch ständiges Stalken mit der Kamera zählt. Dabei verführt er dann nicht nur seine gar nicht mal so viel ältere Stiefmutter Mirelle (Erna Schurer), sondern auch zugleich deren reizende Schwester Carole (Colette Descombes). Leider ist es ihm dabei aufgrund seines psychosexuellen Leidens aber nicht möglich, weder mit der Schwester, noch mit der Stiefmutter eine stinknormale Liebesbeziehung einzugehen, so dass er Erna einfach links liegen lässt und Colette zu einem bizarren Ritual einlädt, wobei er dann einer zunächst noch im Ku Klux Klan-Dress herumtanzenden Afroamerikanerin genussvoll heißes Kerzenwachs auf den kurz darauf entblößten Körper träufelt. Und schuld an allem ist mal wieder ein traumatischer Mutterkomplex, der dann letzten Endes nicht nur unseren voyeuristisch veranlagten Helden unwiderruflich ins Unheil treibt...

     

    Aber kommen wir nun endlich auf seine Rolle im vorliegenden Film zu sprechen, der sowohl durchgeknallten als auch leicht exzentrischen Frohnatur Carletto: Als dieser nämlich eines schönen Tages völlig unverhofft zur Ausrichtung einer Kunstausstellung in seine Heimatstadt Mailand zurückkehrt, gerät er unbemerkt ins Visier der drei verlorenen Schickeriaseelen, da diesen quasi zeitgleich das ominöse Erpresserfoto zugestellt wurde und somit auf Anhieb den ahnungslosen Rückkehrer hinter der möglichen Täterschaft vermuten. Und um ihm in Ruhe auf den Zahn fühlen zu können, umgarnen sie den vermeintlichen Erpresser daraufhin von allen Seiten, wozu dann auch eine Einladung zu einem grotesken Gesellschaftsabend in den vermeintlich besseren Kreisen zählt. Dabei prallen dann schlussendlich zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten aufeinander, denn Carletto ist sowohl ein freidenkender Künstler als auch ein überzeugter Antikapitalist und linksgerichteter Revolutionär. Dementsprechend dient ihm sein Atelier nicht nur als Brutstätte für seine zu bewerkstelligende Kunst, sondern auch zugleich als Lagerstätte für unzählige Kisten mit Schaumgummi, welches wiederum im Rahmen der ständigen Auseinandersetzungen mit der Polizei die Schlagkraft der höchstschmerzhaften Schlagstockhiebe abmildern soll. Von seinen vermeintlich besseren Freunden wegen seines illusionären Revoluzzertums belächelt, verhärtet sich bei diesen der Verdacht gegen den liebenswürdigen Protestler immer mehr, was dem weiteren Filmverlauf dann wiederum eine unheilvolle Note verleiht. Zwischendrin verscherbelt Carletto dann auch noch aus Geldnot das Kinderbett seiner Großmutter und verleiht der migränegeplagten Lea eine wohltuende Kopfmassage, wofür sie sich dann wiederum mit einem gelungenen Tollschock bei ihm bedankt.

     

    Ring a ring o' narcotic roses...

     

    Abschließend sollte auch noch die vorzügliche Arbeit des Kameramanns Angelo Lotti (DAS GEHEIMNIS DER JUNGEN WITWE, VENUS IM PELZ, DAS GEHEIMNIS DES SILBERNEN HALBMONDS) ihre Erwähnung finden, da der gesamte Filmverlauf von gelungenen Bildkompositionen und gekonnten Kameraschwenks durchzogen ist. Leider kamen diese vorzüglich abfotografierten Bilder in der mir vorgelegenen Fassung nicht ganz optimal zur Geltung, da diese auf einem unkorrekten Bildformat beruhte. Am beeindruckendsten empfand ich dabei die herrlich bizarre Strandszene, welche aufgrund ihrer audiovisuellen Ausprägung nicht nur leicht narkotisierend wirkt, sondern stellenweise auch etwas surreal anmutet. Dabei kommt es auch zu einer formidablen Kreisfahrt mit der Kamera, welche den Zuschauer dann in Verbindung mit der lieblich verstörenden Kinderliedmelodie des Maestros unausweichlich in ihren hypnotischen Bann zieht. Dabei handelt es sich um eine recht ungewöhnliche Komposition Morricones, da deren Ursprung auf dem allseits bekannten Kinderlied “ring a ring o' roses” beruht, welches im Jahre 1665 von englischen Kindern als Ringelreigen ins Leben gerufen wurde und eigentlich von den Folgen der damals in London vorherrschenden Pestplage handelt. Und da es sich bei unserer mondänen Sippschaft auch um eine Art krebsgeschwürige Pestplage handelt, passt das Ganze schlussendlich dann doch wiederum ganz gut zusammen...

     

    Während meiner kurzen Vorabrecherche bin ich dann auch noch zufällig über drei verschiedene Zensurbeschlüsse gestolpert, welche über den weiter unten befindlichen Link eingesehen werden können. Den schwerwiegendsten Zensurschnitt vermute ich zudem in der finalen Szene, da die darin von Statten gehende Schweinerei sowohl viel zu abrupt einsetzt als auch wiederum viel zu schlagartig ihr unheilvolles Ende findet.

     

    Fazit: Ein wundervoll verschrobener Film aus einer einmaligen Epoche, der aber vermutlich weniger dem vorherrschenden Massengeschmack entsprechen dürfte.

  • Autor: Richie Pistilli
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