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Dirnentragödie - Fluch der Vergangenheit

Italien, 1954

  • Originaltitel: La schiava del peccato
  • Alternativtitel:

    Escrava! (BRA)

    Esclava del pecado (ESP)

    L'esclave du péché (FRA)

    The Slave of Sin

  • Deutsche Erstaufführung: 14. Juni 1957
  • Regisseur: Raffaello Matarazzo
  • Kamera: Marco Scarpelli
  • Musik: Renzo Rossellini
  • Drehbuch: Oreste Biancoli, Aldo De Benedetti
  • Inhalt:

    In einem Hotel geschieht ein seltsamer Diebstahl. Der Dieb ignoriert Geld und teuren Schmuck sondern stiehlt der Frau eines jungen Paares lediglich eine Halskette, deren Anhänger ein Kinderfoto der Bestohlenen zeigt. Unter der Matratze der ergrauten Hotelangestellten Mara Gualtieri (Silvana Pampanini) findet sich die Beute.

     

    Der Hoteldirektor verlangt eine Erklärung, denn er möchte Mara nicht entlassen müssen. Sie erzählt ihm ihre Geschichte, wie sie als junge Frau mit zweifelhaftem Ruf zusammen mit einem kleinen Mädchen ein Zugunglück überlebte. Die Eltern des Mädchens namens Dina starben dabei. Mara - die selbst ihr eigenes Kind Jahre zuvor durch plötzlichen Kindstod verlor – sieht darin einen Wink des Schicksals, zumal das Kind sich zu ihr schon vor dem Zugunglück seltsam hingezogen fühlte. Sie will das Mädchen adoptieren, doch dabei steht ihr ihre Polizeiakte als registrierte Prostituierte und eine dreijährige Bearbeitungszeit bei einer Adoption im Weg.

     

    Mara bricht mit ihrer Vergangenheit und arbeitet hart in einer Ziegelei, um sich und dem Kind den Traum vom Mutterglück zu erfüllen. Dem stellt sich aber Maras „Gönner“ Carlo in den Weg, der mit ihr und wohlhabenden Kunden weiter Geld verdienen will. Zudem begegnet sie Giulio Franchi (Marcello Mastroianni), dem Vater ihrer eigenen verstorbenen Tochter wieder, der inzwischen verheiratet ist und nichts davon weiß, was Mara nach seiner Trennung von ihr wiederfahren ist. Und nachdem er Mara mit Dina sieht, glaubt er, Dina sei seine leibliche Tochter und will sie Mara wegnehmen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Ob Mara ihr Glück findet, moralisch verurteilt von einer Welt, die kein Verständnis für einstig in Sünde lebende Frauen hat? Leider hat Melodram-Spezialist Raffaello Matarazzo hier schon die Antwort in Form der Hoteldiebstahl-Vorgeschichte gegeben, so dass die Antwort auf diese Frage für den Zuschauer nicht wirklich überraschend kommt. Aber wir hätten es ohnehin geahnt, wenn wir schon mal einen Matarazzo-Film gesehen haben.

     

    Hilfreich ist dagegen ausnahmsweise der deutsche Titel „Dirnentragödie“, denn obwohl das italienische Melodram selten zimperlich ist, hält das Drehbuch lange hinter dem Berg. Man setzte offenbar voraus, dass die Zuschauer wissen, dass eine Frau ohne Familie und in einer Pension mit lauter anderen Frauen ohne Anhang zusammen lebend, nur eine Prostituierte sein kann. Erst später werden die Dinge beim Namen genannt. Der italienische Titel „La schiava del peccato“ (Die Sklavin der Sünde) ist dagegen Programm, denn Mara kann ihrer Vergangenheit kaum entkommen, jedenfalls nicht ohne Abstriche zu machen. Ein ehrliches Leben mit harter Arbeit ist drin, Familienglück Nein. Und hier findet sich auch die „fröhliche“ Botschaft des Films: hat man einmal gesündigt, besteht keine Aussicht auf Vergebung, lediglich auf gelegentliches Mitleid der Gesellschaft. Klasse, deswegen mag ich Matarazzo, wegen der optimistischen Weltsicht.

     

    Diesmal nicht mit Matarazzos Stammbesetzung der Fünfziger - Amedeo Nazzari und Yvonne Sanson - gedreht, sehen wir eine starke und mit stoisch-fatalistischer Leidensmiene agierende Silvana Pampanini, die, von anfänglichem Optimismus nach ihrer wiederentdeckten Mutterliebe zu der kleinen Dina, von der Gesellschaft beharrlich auf ihren Platz zurückverwiesen wird. Ein junger und früher Marcello Mastroianni hat ein paar kurze aber wichtige Szenen, wirkt neben Pampanini allerdings eher farblos. Und wir wissen, was für ein starker Schauspieler Mastroianni ist, vielleicht war er entweder noch zu unerfahren oder das italienische Melodram der Fünfziger war einfach nicht sein Genre. Kameratechnisch (Marco Scarpelli) oder musikalisch (Renzo Rossellini) gibt es auch nichts Herausragendes zu vermelden, lediglich fehlerlose Professionalität, wenn es um die Unterstreichung der dramatischen Inhalte geht. Der Zusammenprall zweier Miniaturzüge in einem Tunnel ist natürlich nicht so der Hammer, herausragend dafür die darauf folgende Szene, wie die Überlebenden des Zugunglücks durch die ineinander verkeilten Trümmer der Waggons versuchen, ihren Weg nach Draußen zu finden. Somit bietet „Dirnentragödie“ 99 Minuten tränenreicher Dramatik, reicht aber trotzdem nicht ganz an andere Matarazzo-Filme aus dieser Zeit heran.

     

    Noch ein paar Namen: als Regie-Assistent war Silvio Amadio dabei, das Mädchen Dina wurde als Erwachsene von Irene Genna dargestellt, bei den Szenen von Dina als Kind sind gleich zwei Darstellerinnen am Werk. Als Dinas Vater – vor dem Zugunglück – ist Paul Muller als polnischer Einwanderer zu sehen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb
    IMDb

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