Diebe haben's schwer

Italien, 1958

  • Originaltitel: I soliti ignoti
  • Alternativtitel:

    Los desconocidos de siempre (ARG)

    Os Eternos Desconhecidos (BRA)

    Rufufú (ESP)

    Le pigeon (FRA)

    Persons Unknown (GBR)

    Gangsters Falhados (POR)

    Big Deal on Madonna Street

  • Deutsche Erstaufführung: 18. Dezember 1959
  • Regisseur: Mario Monicelli
  • Kamera: Gianni Di Venanzo
  • Musik: Piero Umiliani
  • Drehbuch: Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Suso Cecchi D'Amico, Mario Monicelli
  • Inhalt:

    Der römische Kleinkriminelle Cosimo (Memmo Carutenuto) und sein alter Freund Campanelle (Carlo Pisacane) versuchen ein Auto zu knacken, doch Cosimo wird geschnappt und kommt in das Regina-Coeli-Gefängnis. Dort erfährt er von einem anderen Insassen, der zwischen einer leer stehenden Privatwohnung und einer Pfandleihe eine hauchdünne Wand gezogen hat, von einer guten Gelegenheit in ebendiese Pfandleihe einzubrechen, wo in einem Safe Juwelen und andere Wertgegenstände aufbewahrt werden. Doch die Art des geplanten Coups behält er natürlich vorerst für sich.

     

    Er beauftragt seine Geliebte Norma (Rossana Rory) einen „Pecora“ (übers. Schaf, sinnbildlich für Fall-Guy) zu kaufen, der anstelle Cosimos den Autodiebstahl gesteht, damit er selbst den Einbruch in die Pfandleihe begehen kann. Auf dieser Suche finden sich andere Gelegenheitsgauner zusammen, die dann die Crew für den Coup bilden sollen.

     

    Da wären der junge Mario (Renato Salvatori), der die Schuld aber nicht auf sich nehmen will, um seine Mutter nicht zu enttäuschen. Tatsächlich hat Mario sogar drei „Mütter“, Angestellte des Waisenhauses in dem er aufwuchs. Außerdem ist da der Fotograf Tiberius (Marcello Mastroianni), aber auch der will nicht anstelle Cosimos ins Gefängnis, da seine Frau Teresa (Gina Rovere) gerade wegen Zigarettenschmuggels einsitzt und er sich um das gemeinsame Baby kümmern muss. Weiterhin der Sizilianer Michele detto Ferribotte (Tiberio Murgia) , der aber auch nicht ins Gefängnis kann, weil er über die Unschuld seiner Schwester Carmelina (Claudia Cardinale) wacht, die das Haus nur verlassen darf, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Es gelingt ihnen allen gemeinsam, den erfolglosen Boxer Peppe den Panther (Vittorio Gassmann) zu überreden.

     

    Peppe und Cosimo geben vor dem Richter ihr Bestes, jedoch kommen nun beide in den Knast. Peppe will Cosimo reinlegen und ihn dazu bringen, ihm den Coup zu verraten. Durch einen Trick gelingt ihm das auch, nämlich nachdem er Cosimo nach seinem Verhandlungstermin berichtet hat, er hätte drei Jahre Gefängnis bekommen – tatsächlich bekam er Bewährung. Nun, nachdem Peppe wieder in Freiheit ist, will er mit den übrigen Gaunern den Einbruch durchziehen. Als Experten für das Technische heuert man den alten Safeknacker Dante (Toto) an, der aber nur als Berater tätig und wird und nicht an dem Einbruch selbst teilnehmen will.

     

    Doch die Dinge haben sich dadurch verkompliziert, dass die Privatwohnung neben der Pfandleihe inzwischen von zwei älteren Damen und deren Hausmädchen Nicoletta (Carla Gravina) bewohnt wird. Und auch Cosimo kommt aus der Haft während einer Generalamnestie anlässlich eines Feiertags. Man will ihn zwar an dem Coup beteiligen, doch Cosimo weigert sich aus Stolz. Er will es selbst versuchen, ohne fremde Hilfe. Peppe macht sich an Nicoletta ran, um von ihr zu erfahren, wann die alten Damen nicht zuhause sind und um den Wohnungsschlüssel von ihr zu stehlen. Doch Peppe verliebt sich in die freche Nicoletta und bekommt Gewissensbisse. Mario wiederum hat sich mehrfach heimlich mit Ferribottes Schwester Carmela getroffen, was dieser harusfindet.

     

    Als der Einbruch schließlich stattfinden soll, ist die Crew bereits merklich geschrumpft – und es läuft nicht annähernd wie geplant.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Mit „Diebe haben’s schwer“ – im Original „I soliti ignoti“ (übers. Die üblichen Verdächtigen) – schuf Regisseur Mario Monicelli fast schon unbeabsichtigt den ersten bedeutenden Vertreter eines Genres, das als „Commedia all’Italiana“ bekannt wurde. Natürlich hat bei der Schaffung eines solchen Meilensteins noch niemand daran gedacht, dass diesem Werk einmal eine solche filmhistorische Bedeutung zukommen könnte. Vielmehr hatten die Drehbuchautoren Age & Scarpelli sowie Mario Monicelli selbst „I soliti ignoti“ eher als Persiflage auf die Heist-Filme gedacht. Es folgten zahlreiche Preise, eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester Ausländischer Film“ und – lange Zeit später – die Aufnahme in das Archiv „100 film italiani da salvare”, der "100 besten italienischen Filme, die das kollektive Gedächtnis des Landes zwischen 1942 und 1978 verändert haben."

     

    Was war damals so neu an diesem Film? Die Hauptprotagonisten der Geschichte sind kleine Gauner, beheimatet in einem armen Vorstadtviertel Roms. Hier ein herrlicher Dialog als die Protagonisten auf der Suche nach Mario ein paar fußballspielende Kinder fragen, ob in ihrer Siedlung ein Mario wohne. Die Kinder antworten, dass es hier tausend Marios gäbe. Als man weiter fragt, der Mario, den man suche, wäre aber ein Dieb, antworten die Kinder, dann wären es immer noch Tausend. Die Bilder sind vielfach sehr düster gehalten. Zum ersten Mal in der Geschichte des italienischen Films sah man zudem in einer Komödie den Tod eines der Hauptprotagonisten. Und hinter aller Ironie und Komik wird letztendlich eine Geschichte des Scheiterns von Menschen einer bestimmten Gesellschaftsschicht erzählt, ebenfalls damals untypisch für eine Komödie.

     

    Die Produzenten stuften den Film zunächst als Risiko ein. Man war gegen Vittorio Gassmann – bis dahin eher ein ernster Schauspieler, hauptsächlich am Theater – als Darsteller in einer Komödie. Man war ebenfalls gegen den etablierten Komiker Toto, da man befürchtete, Zuschauer könnten durch dessen eher kleinere Gastrolle verärgert werden. Aber die Besetzung ist einfach traumhaft. Neben Gassmann und Toto sind Marcello Mastroianni und Renato Salvatori dabei, sowie Charaktergesicht Carlo Pisacane und Tiberio Murgia, der einen Sizilianer spielt, trotz seines sardischen Akzents. Claudia Cardinale ist hier in ihrem ersten italienischen Spielfilm zu sehen, knappe 20 Jahre alt, und die 17-jährige Carla Gravina spielt die süße Nicoletta, die es faustdick hinter den Ohren hat, lügt, dass sich die Balken biegen und sich mehrere Verlobte in Reserve hält. Rossanna Rory, die das einzige weibliche Mitglied der Einbrecher-Bande spielt, wird in der italienischen Fassung übrigens von Monica Vitti gedubbt.

     

    Wie es mit dem Erfolg so ist, es folgten Fortsetzungen und Remakes. 1959 drehte Nanni Loy – wiederum nach einem Drehbuch von Age & Scarpelli – das sehenswerte Sequel „Diebe sind auch nur Menschen“ (Audace colpo dei soliti ignoti). Die Meisten der Originaldarsteller waren wieder mit dabei, Filmkomponist Piero Umiliani erhielt gar Verstärkung durch Chet Baker an der Trompete. Lediglich auf Marcello Mastroianni musste man hier verzichten. Der tauchte erst wieder in dem (leider nur wenig sehenswerten) 1985 unter der Regie von Amanzio Tondini gedrehten „Diebe haben's schwer... Zwanzig Jahre danach“ wieder auf, gemeinsam mit Filmehefrau Gina Rovere.

     

    Das bekannteste Remake ist natürlich Louis Malles „Crackers“ von 1984 mit Donald Sutherland und Jack Warden. Eine weitere Adaption des Stoffes ist der 2002 entstandene „Safecrackers oder Diebe habens schwer“ (Welcome to Collinwood) von Anthony & Joe Russo.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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