Die Banditen von Mailand

Italien, 1968

  • Originaltitel: Banditi a Milano
  • Alternativtitel:

    The Violent Four (World-Wide)

  • Deutsche Erstaufführung: 13. September 1968
  • Regisseur: Carlo Lizzani
  • Kamera: Otello Spila, Giuseppe Ruzzolini
  • Musik: Riz Ortolani
  • Drehbuch: Massimo De Rita, Carlo Lizzani, Arduino Maiuri
  • Inhalt:

    Ende der sechziger Jahre wird Mailand in Atem gehalten von einer Bande von skrupellosen Bankräubern, deren Strategie es ist, möglichst viele Banken in möglichst kurzer Zeit zu berauben, um so der Polizei kaum die Möglichkeit für Ermittlungsarbeit zu geben. Nachdem es der Polizei aber gelingt, nach einem verpatzten Coup den Fahrer der Gangster festzunehmen, erzählt dieser während eines Verhörs von seinen Komplizen und eine gewaltige Menschenjagd auf die übrigen noch flüchtigen Täter beginnt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Mut zum entfesselten Chaos beweist Carlo Lizzani, Regisseur von „Die Banditen von Mailand“ und schuf so diesen Begründer des Poliziesco, auch wenn „Die Banditen von Mailand“ in vielem noch weiter geht. In den ersten zwanzig Minuten bekommen wir ein Inferno aus Interviews, episodenhaft dargestellten Gewalttaten, absolutes Durcheinander auf den Polizeirevieren, Passanten werden zu blutüberströmten Statisten, und wir sehen das Ende einer Schießerei zwischen Polizisten und flüchtigen Bankräubern, alles inspiriert von wahren Begebenheiten, in pseudo-dokumentarischem Stil nachgestellt.

     

    Dem noch sehr jung aussehenden Commissario Basevi (Tomas Milian) fällt es zu, umringt von scheinbar zwei Dutzend weiteren Polizisten, den Fluchtfahrer einer Bande von Bankräubern zu verhören, die Mailand in Atem hielt und in Rückblende erfahren wir die Vorgeschichte zu den vorherigen Ereignissen.

     

    Pietro 'Piero' Cavallero (Gian Maria Volonté) ist der großspurige Anführer der Bande und richtet ein Büro einschließlich ahnungsloser Sekretärin als Fassade ein. Nach ihren ersten Erfolgen schreibt er einen anonymen Brief an die Zeitungen mit Verhaltensinstruktionen für Bankangestellte, Geiseln und Polizei und seinen Erwartungen bezüglich vorhandener Geldsummen in den Tresoren, andernfalls gäbe es Tote. Als die Zeitungen sich darüber einig sind, dass der Brief auf einen kultivierten Mann schließen ließe, schmeichelt das seinem Ego gewaltig und Gian Maria Volonté ist vollends in seinem darstellerischen Element.

     

    Später stößt zu den Gangstern noch ein „Lehrling“ hinzu, gespielt von einem noch etwas verpickelten Ray Lovelock mit dunkleren Haaren.

     

    Auch die übrige Besetzung ist ein Fest für Italo-Filmfans, wenn es auch manchmal schwer fällt, dem Film aufgrund seiner Struktur feste Hauptcharaktere zuzuordnen, aber da setzt sich Volonté letzten Endes durch.

     

    „Die Banditen von Mailand“ war der italienische Wettbewerbsbeitrag zu den Filmfestspielen in Berlin 1968 und war vielen Filmkritikern damals leider zu chaotisch und laut. Kennt man, ist neu, ist ungewohnt, gefällt dem Deutschen nicht. Wie dagegen die New York Times dazu kam, den Film als „Low Budget“ zu betiteln, ist mir ein Rätsel. Lizzani fährt hier einen fast schon wahnwitzigen Aufwand an Statisten und Hundertschaften von echten Polizisten mit dem scheinbar gesamten polizeilichen Fahrzeughof und Hundestaffeln auf, und der Höhepunkt des Films ist eine sehr lange und recht blutige Autoverfolgungsjagd durch Mailand. Die Gangster schießen gezielt auf Autofahrer und Passanten, nur um einen Vorsprung zu gewinnen.

     

    Selbst Kritikerlegende Roger Ebert war ein wenig überfordert und legte ein klein wenig Sarkasmus an den Tag, hatte aber zumindest erkannt, dass hier eine neue Art des Kriminalfilms im Anmarsch war.

     

    Trotzdem ist es kein Actionfilm, denn wie schon angedeutet bietet Lizzani mehr, Milieustudie, Drama und auch eine gewisse Ironie, wenn es um die italienische Mentalität geht.

     

    Auch in Bezug auf die Gangster kommt diese Ironie zum Tragen, denn bereits nachdem sie ihr Büro eingerichtet,  eine Sekretärin eingestellt haben und Volonté in seinem Geschäftsanzug erscheint, bemerkt einer der Komplizen, da könne man sein Geld ja gleich mit ehrlicher Arbeit verdienen. Dies findet später seine Entsprechung während der Flucht in der Erkenntnis, dass sich Bankraub abzüglich aller anfallenden Kosten eigentlich finanziell kaum lohnt – nicht vergessen, hier geht es um Lire, nicht um harte Währung.

     

    Von Riz Ortolanis Musik bekommt man nicht allzuviel mit – man nimmt sie wahr, aber der Film ist sehr laut, sehr lebendig und die Musik unbeständig, prägt sich somit schwer ein.

     

    Milian-Fans werden nicht ganz so auf ihre Kosten kommen, denn sieht sein Part anfangs noch nach Hauptrolle aus, ändert sich das durch die lange Rückblende.

     

    Aber last not least – „Die Banditen von Mailand“ ist eine absolute 10 auf meiner Bewertungsskala und ein Film, den man sich gerne auch öfter ansieht.

     

    Was noch fehlt, ist natürlich eine deutsche DVD. Die Tatsache, dass „Banditi a Milano“ in Deutschland ungekürzt zu sehen war und auch schon mal im TV lief, macht sogar Hoffnung, dass hier eine qualitativ bessere Kopie vorliegen könnte als es anscheinend in Italien der Fall war. Außerdem wird man einen ehemaligen Berlinale-Beitrag doch nicht einfach verrotten lassen...

  • Autor: Gerald Kuklinski
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