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Diary of an Erotic Murderess

Italien | Spanien, 1975

  • Originaltitel: La encadenada
  • Alternativtitel:

    El diario de una asesina (ESP)

    Perversione (ITA)

    A Diary of a Murderess

    Diary of an Erotic Mistress

  • Regisseur: Manuel Mur Oti
  • Kamera: José Luis Alcaine, Alvaro Lanzoni
  • Musik: Carlo Savina
  • Drehbuch: Emilio Martínez Lázaro, Rafael Moreno Alba, Manuel Mur Oti, Mario Siciliano
  • Inhalt:

    Der Tod der Mutter ließ den Millionärssohn Marc (Juan Ribó in seinem Filmdebüt) plötzlich verstummen. Mit seinem erratischen Verhalten terrorisiert er die Hausangestellten. Nachdem er mal wieder eine Gouvernante vergrault hat, engagiert sein Vater, der Industrielle Alexander (Richard Conte in seinem vorletzten Filmauftritt), die attraktive Psychologin Gina (Mell), die sich fortan verständnisvoll um den Jungen kümmert. Doch die junge Frau birgt ein düsteres Geheimnis: sie ist keine Psychologin, sondern eine verurteilte Diebin auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann (Italo-Western-Ikone Anthony Steffen), der ihr bereits dicht auf den Fersen ist. Im weiteren Verlauf der Geschichte spielen ein benachbartes Templerkloster, der Heilige Gral, ein geheimnisvolles Tagebuch, ein Gasmord in der Badewanne, Lügen, Erpressung, Besessenheit und der Drang, sich aus einem Netz von Intrigen und Habgier zu befreien, wichtige Rollen.

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    Manuel Mur Oti wird vielerorts als spanischer Orson Welles bezeichnet. Wer des Spanischen mächtig ist, sollte unbedingt die filmhistorische Aufarbeitung seiner Meisterwerke lesen: Anatomía de un cineasta pasional: El cine de Manuel Mur Oti von Nekane E. Zubiaur Gorozika ist ein 600 Seiten starkes Werk, das dem spanischen Meister detailliert Tribut zollt. Auch sein zwischen dem 11. Oktober und dem 16. Dezember 1973 gedrehten und erst 1977 in Madrid gelaufenen Giallo-Verschnitt La encadenada wird ausführlich darin besprochen.

     

    In keinem anderen Film ist Marisa Mell so atemberaubend schön und geheimnisvoll wie in diesem. José Luis Alcaine, der später Almodóvars bevorzugter Kameramann werden sollte, weidet sich förmlich an ihrem großflächigen, makellosen Gesicht mit den leicht schräg gestellten grünen Augen, den vollen Lippen und dem markanten Kinn, und Carlo Savinas zarte, in diesem Gefüge wie eine Liebeserklärung wirkende Klaviermusik untermalt Bilder, die so erlesen sind, dass man sie ausdrucken, einrahmen und an die Wand hängen möchte. Bei so viel Ästhetik vergibt man gern die zahllosen Wendungen des überfrachteten Drehbuchs — ja, es ist tatsächlich noch von galizischen Hexen die Rede! —, die logischen Brüche und die platte, zeittypische Psychologie.

     

    Manuel Mur Oti legte seinen Produzenten den fertig geschnittenen Film bereits am 15. März 1974 vor, obwohl er große Probleme beim Schnitt hatte (Espartaco Santoni, der das Werk finanzierte, weigerte sich, das Team zu bezahlen, woraufhin viele für den Schnitt notwendige Aufnahmen einfach nicht mehr getätigt wurden), doch erst 1977 wurde er richtig ausgewertet und lief sieben Tage lang in drei Madrider Kinos. Die Emaus verzeichnete einen mickrigen Bruttogewinn, der heute in etwa 73.750 Euro entspräche. Kein Wunder, dass die Produktionsfirma das Jahr 1977 nicht überstand und Konkurs anmelden musste.

     

    Mur Oti drehte hiernach nur noch einen Film, Morir … dormir … tal vez soñar, um 1979 in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Im Rahmen einer Retrospektive wurde La encadenada im August 1999 wiederaufgeführt und erfuhr schließlich die Zustimmung des Publikums, die ihm fraglos zusteht.

     

    Vielerorts wirft man dem Film sein behäbiges Tempo vor, seinen Mangel an Blutrünstigkeit und Sex. Für einen handfesten Thriller fehlt es an Spannung, für einen Giallo an Titten, für ein Psychodrama an Tiefe. Mancher Rezensent sprach von einer Seifenoper. Giallo-Experte Christian Keßler, der ansonsten für praktisch jeden Film lobende Worte findet, bezeichnete La encadenada in seinem Verriss als »morbides Erotikdrama«. In meinen Augen ist das Werk ein dunkles Märchen, dem man sich aufmerksamen Blickes und mit angemessener Behutsamkeit nähern sollte. Tut man dies, wird man reich belohnt. Ein Film, in dem mehr steckt — viel mehr! —, als es auf den ersten Blick scheint. (An dieser Stelle möchte auch auf das Emaus-Kapitel in meinem Buch Die Feuerblume: Über Marisa Mell und ihre Filme verweisen.)

  • Autor: André Schneider
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