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Devil's Ransom

Frankreich | Italien | Spanien, 1970

  • Originaltitel: Senza via d'uscita
  • Alternativtitel:

    Las fotos de una mujer decente (ESP)

    La machination (FRA)

    The Victims

    No Way Out

  • Regisseur: Piero Sciumè
  • Kamera: Cecilio Paniagua
  • Musik: Piero Piccioni
  • Drehbuch: Tiziano Cortini, Ricardo Ferrer, Julio Salvador, Piero Sciumè
  • Inhalt:

    Kurt ist ein abgebrannter Straßenfotograf in Paris, der eines Tages Geld und ein Flugticket nach Stockholm erhält. Britt ist die Frau die Kurt nach Stockholm holt, weil sie einen zuverlässigen Partner für die Entführung von Michèles Kind braucht. Michèle ist die Frau von Gilbert, die nur für ihr Kind lebt und ohne dieses ein völliges Nervenbündel ist. Gilbert ist ein braver Bankangestellter, der täglich mit sehr großen Summen baren Geldes hantiert, Michèle nicht mehr wirklich liebt, dafür aber mit Britt ein Verhältnis hat. Und eigentlich könnte der Plan perfekt sein, wenn nicht Gilbert seine Pflichterfüllung über das Wohl des Kindes stellen würde: Er weigert sich standhaft das ihm anvertraute Geld anzurühren …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Ein genau abgezirkeltes Personenviereck, dass über Kreuz miteinander in Verbindung steht, und von dem mindestens eine Hälfte finstere Pläne schmiedet – Mehr braucht es nicht um einen guten Thriller herzustellen. Das heißt, eines braucht es auf jeden Fall doch noch, nämlich einen fähigen Regisseur der dieser Konstellation das nötige Leben und die Spannung einhauchen kann.

     

    So gab es beispielsweise bei COCKTAIL FÜR EINE LEICHE einen Alfred Hitchcock, der aus den Beschränkungen in Bezug auf Raum, Zeit und Personen ein Maximum an Spannung herausholte. Bei TOY saß Fernando di Leo auf dem Regiestuhl und es galt (und gilt) das gleiche: Wenige Personen, kurzer Zeitrahmen, im Wesentlichen ein Handlungsort = umwerfende Spannung und Unterhaltung. Und bei SENZA VIA D’USCITA leitete Piero Sciumè die Dreharbeiten. Piero wer? Piero Sciumè, dessen Filmographie tatsächlich ganze zwei Titel beinhaltet, nämlich die Regieassistenz bei dem in Deutschland unveröffentlichten Krimi RIUSCIRÁ IL NOSTRO EROE A ROTROVARE IL PIÚ GRANDE DIAMANTE DEL MONDO? von Guido Malatesta, und ein Jahr zuvor eben die Regie in SENZA VIA D’USCITA. Was nicht wirklich viel ist, und dummerweise merkt man Sciumè die Unerfahrenheit auch durchaus an.

     

    So spannend die Storyline nämlich grundlegend ist, wird die Geschichte leider ein klein wenig arg zäh erzählt. Der Verzicht auf jegliche Actionszenen einerseits und ein Philippe Leroy mit der Ausstrahlung eines Gefrierfachs andererseits sorgen nicht unbedingt für wohlige Aufregung. Im Gegenteil wird der Ablauf eher kühl-entspannt erzählt, und in der ersten etwa halben Stunde passiert außer der Vorstellung der Personen nicht viel. Dann folgt die Entführung, und ab diesem Punkt ist Marisa Mell diejenige welche das Heft fest in der Hand hält. Ihre Ausstrahlung und ihre Schauspielkunst beherrschen den Film auf das Vortrefflichste. Philippe Leroy als ihr Ehemann hält sich dagegen sehr zurück und wirkt, wenn überhaupt, nur durch sein gefühlsarmes und formales Wesen. Nein nein, Marisa Mell trägt den Film mit ihrer wunderbaren Erscheinung, und auch wenn es im letzten Drittel vielleicht ein klein wenig zu viel Am-Rad-drehen wird, dann ist ihr Charakter doch immer noch derjenige, der am meisten in Erinnerung bleibt.

     

    Der Film scheint in einer sehr nahen und nicht näher bezeichneten Zukunft zu spielen, was die Möglichkeit ergibt dass einzelne Menschen erhebliche Geldmengen in bar quer durch Europa schippern (und in großen Bergwerksloren quer durch die Bank, aber das nur nebenbei). Die Atmosphäre ist kalt, wobei das noch als euphemistisch zu bezeichnen ist. Die Gebäude und die Menschen sind grau, die Polizei ist allgegenwärtig, und zugegebenermaßen passt Philippe Leroy in diese Umgebung ganz hervorragend hinein. Sein Chef in der Bank, George Rigaud, verlangt von ihm eine vollkommene Unterordnung unter die Arbeit („Sie fahren heute mit dem Zug in die Schweiz und kommen wenn alles gut geht morgen zurück. Übrigens, wie geht es ihrer Frau?“), was zumindest im Arbeitsleben des Jahres 1970 noch sehr futuristisch klang. Die Beziehungen unter den Menschen sind erkaltet. Dass sich Gilbert und Michèle nicht mehr lieben mag ja noch in Ordnung sein, aber die Beziehung zwischen Gilbert und Britt schaut, wenn man mal ehrlich ist, genauso aus: Er besucht Britt morgens vor der Arbeit, trinkt höchstens eine Tasse Kaffee, wirft einen Blick in die Zeitung, und geht wieder. Und das ist dann ein Verhältnis? Wow …

     

    Am nahesten stehen sich vielleicht der Entführer Kurt und Michèle! Beide haben ein Interesse an dem gleichen Objekt, nämlich an dem Kind. Kurt arbeitet sehr ernsthaft daran Michèle in den Wahnsinn zu treiben, und die filmische Umsetzung unterstützt ihn dabei mit hochästhetischen Doppelbelichtungen, megaentspannten Rückblenden und den hässlichsten Sonnenbrillen der Filmgeschichte. Sowohl für Michèle wie auch für den Zuschauer verschwimmen die Grenzen zwischen Phantasie und Realität: Ist der Besuch Kurts in Michèles Badezimmer eine Einbildung oder passiert dies wirklich? Gab es die von Kurt fotografierte Orgie mit der gefesselten Michèle wirklich? Oder entspringen alle diese Bilder der Wahnvorstellung einer gequälten Frau?

     

    An diesen Stellen ist der Film am Stärksten. Hier wirkt er suggestiv und zieht den Zuschauer in eine Alptraumwelt, in der sich niemand mehr zurecht findet. Eine Welt der Sexualität und der Illusionen, so ganz anders als die durchstrukturierte und gefühllose Welt in welcher Gilbert lebt. Eine weibliche Welt, im Gegensatz zur männlichen da draußen. Und wenn Gilbert auf dem Schießstand nicht mehr weiß ob er nun auf das Abbild eines Kriminellen schießt oder auf ein Wahnbild seiner Frau, dann verschwimmen auch für ihn die Pforten der Wahrnehmung, und auch er wird in diese fremde und beunruhigende Welt hineingesogen. Vielleicht spielt der Film gar nicht in einer Zukunft, sondern in einer Parallelwelt, in der eben Bargeld quer durch Europa transportiert wird und Gefühle nicht mehr existieren. Vielleicht überlappen sich gar die parallelen Ebenen, und wir sehen mehrere Welten gleichzeitig …

     

    Alles sehr schön, und das ist Kino der frühen 70er-Jahre par excellence, aber: Ein Krimi ist das eigentlich kaum! Sprich, die Erwartungshaltung ist hier sehr wichtig. Ich hatte einen Krimi erwartet und bekam stattdessen einen Film über graue Realitäten und sonnendurchstrahlte Phantasiewelten innerhalb eines angedeuteten Kriminalgerüsts. Hey, der Film ist immerhin aus dem Jahr 1970, da war es nichts Ungewöhnliches diese beiden Welten gegenüber zu stellen. Und dann ist die (ich nenne es jetzt mal) Krimi-Rahmenhandlung nicht das Schlechteste um die Story ins Rollen zu bringen. Aber auch wenn technisch soweit alles passt, so ist die Art der Erzählung doch über längere Strecken hinweg eher trocken zu nennen. Cinema secco sozusagen … Ich meine, das Zeigen von kühlen Menschen in einer kühlen Umgebung und deren Verhalten beim Wegkippen der Realität, das kann man auch anders zeigen. In diesem Zusammenhang fällt mir nämlich Piero Schivazappas 1969 gedrehter THE FRIGHTENED WOMAN ein, in dem ein hervorragend aufgelegter Philippe Leroy und eine zum Niederknien hinreißende Dagmar Lassander zeigen wie die Konfrontation männlich-weiblich auch dargestellt werden kann.

     

    Aber vielleicht ist die Grundprämisse ja ganz anders und ich bin auf dem Holzweg. Vielleicht wollte Sciumè ganz bewusst die kühle Zukunftsvision neben die gefühlvolle Krimihandlung setzen und so ein Statement zur (Gefühls-) Lage der Nation abgeben. Was auch die Figurenkonstellation erklären würde, nämlich den gefühlsarmen und rationalen Gilbert neben der intensiv empfindenden Michèle, die meistens irgendwie am Durchdrehen scheint und alles Gefühlsmäßige sowieso völlig überbewertet. Weswegen ich ständig den Eindruck hatte, dass Gilbert das Verhalten von Michèle einfach nicht ernst nimmt, sondern ihr gegenüber vielmehr immer dieses „Sie ist ja nur eine Frau und weiß es nicht besser“-Gehabe an den Tag legt. Und auch der relativ früh abzusehende Twist auf dem Friedhof würde in diesen Zusammenhang sehr gut passen.

     

    Wenn man in diese Richtung weiterdenkt fällt auch das Entführerpaar Kurt und Britt auf. Roger Hanin als Kurt ist hier relativ klar der Part mit den Emotionen, dessen Aufgabe es ist Michèle zu nerven und Gilbert zu drängeln. Die wunderbare und viel zu unterbeschäftigte Lea Massari hat bei diesem Paar den Part Gilberts, sie steuert rational und emotionslos die Entführung aus dem Hintergrund. Dass die gegensätzlichen Charaktere Gilbert und Kurt überhaupt nicht miteinander auskommen, zeigt sich beim Treffen der beiden sehr schnell. Die kratzbürstige Atmosphäre ist geradezu mit Händen zu fassen, während hingegen die Treffen zwischen Kurt und Michèle ausgesprochen … harmonisch verlaufen. Und Britt und Gilbert haben ja wie erwähnt sowieso eine Art Verhältnis. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die beiden Gewaltakte gegen Ende des Films hier gegen die jeweils gleiche Hälfte der beiden Paare ausgeübt werden (welche Hälfte sag ich jetzt nicht, das wäre gemein). Wiederum ein Statement des Regisseurs? Ich weiß es nicht, aber ich bekomme gerade Lust mich mit dieser Thematik weiter zu beschäftigen, allerdings nicht im Rahmen dieser kurzen Besprechung, denn ohne Spoiler ist das nicht mehr zu machen.

     

    Die im Originaltitel versprochene Ausweglosigkeit wird jedenfalls scheinbar nicht konsequent erfüllt und muss wahrscheinlich erst durch eine Filmanalyse erarbeitet werden. Womit wir so oder so wieder beim rationalen Teil wären. Aber ich hätte mir halt einfach gerne ein klein wenig mehr Schmiss gewünscht, um in den Film besser hineintauchen zu können. Mehr Gefühl gewissermaßen …

     

    Was bleibt? Nun, am gleichen Tag habe ich neben SENZA VIA D’USCITA noch Jacques Tati’s MON ONCLE aus dem Jahr 1958 gesehen, der im Prinzip eine ähnliche Geschichte erzählt: Eine warme und freundliche Welt wird neben eine gefühlsarme und künstliche Welt gesetzt und diese beiden werden verglichen. Tati setzte natürlich ganz andere Mittel ein, aber die Aussage ist die Gleiche. Nur dass Tati’s Version besser unterhält und mehr Freude beim Anschauen macht …

  • Autor: Maulwurf
  • Links

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