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Der Henker

Italien | Spanien, 1963

  • Originaltitel: El verdugo
  • Alternativtitel:

    O Carrasco (BRA)

    Le bourreau (FRA)

    La ballata del boia (ITA)

    Not on Your Life

    La ballata del boia

  • Regisseur: Luis García Berlanga
  • Kamera: Tonino Delli Colli
  • Musik: Miguel Asins Arbó
  • Drehbuch: Luis García Berlanga, Rafael Azcona, Ennio Flaiano
  • Inhalt:

    Der Angestellte eines Bestattungsunternehmens José Luis Rodríguez (Nino Manfredi) und sein Kollege Álvarez (Ángel Álvarez) sollen die Leiche eines frisch Hingerichteten aus dem Gefängnis abholen. José, der eigentlich davon träumt nach Deutschland zu gehen um dort Mechaniker zu werden, ist angewidert von der Vorstellung einer Hinrichtung. Tote machen ihm nichts aus, solange sie vorher schon tot waren, aber der alte Henker Amadeo (José Isbert), den sie im Gefängnis treffen, ist ihm unheimlich und er will nichts mit ihm zu tun haben.

     

    Da der erste Bus so früh am Morgen erst in mehr als einer Stunde fährt, bietet Álvarez dem Henker Amedeo nach der Hinrichtung an, ihn in ihrem Leichenwagen mitzunehmen. Der aufgrund seines Alters schon etwas zerstreute Amedeo vergisst die Tasche mit seinem Handwerkszeug im Wagen der Beiden, und José läuft ihm hinterher. Bei Amedo angekommen, trifft er dessen Tochter Carmen (Emma Penella), die - ähnlich wie er selbst - als Tochter eines Henkers Probleme hat, eine gute Partie zu finden. So beginnen die Zwei eine Affäre.

     

    Amedeo steht als Staatsdiener eine neue Wohnung zu, und er kann es kaum erwarten, die ärmliche Behausung, die er bisher mit seiner Tochter teilt, endlich hinter sich zu lassen. Passend dazu erwischt er José mit heruntergelassenen Hosen mit seiner Tochter, und nachdem diese schwanger ist, wollen alle drei zusammen ziehen. Doch es gibt ein Problem. Da Amedeo kurz vor der Pensionierung steht, und der Neubau erst danach fertig gestellt sein wird, will man ihm die versprochene Wohnung doch nicht geben. Nachdem das Kind bereits geboren wurde, überreden Amedeo und Carmen den sich sträubenden José, in Amedeos Fußstapfen zu treten und sich als Henker registrieren zu lassen, nur um die Wohnung doch noch zu bekommen. Man versucht ihn damit zu trösten, dass Hinrichtungen ja nicht so oft stattfänden, zudem gäbe es Begnadigungen und außerdem 36 weitere eingetragene Henker. Und so versucht José sich einzureden, dass der Tag, an dem er tatsächlich einen Menschen hinrichten muss, vermutlich nie kommen wird. Außerdem könne er ja im letzten Augenblick von dieser Aufgabe zurücktreten und kündigen.

     

    Doch der Tag kommt, und José muss herausfinden, dass es die Möglichkeit zum Rücktritt so kurz vor einer Hinrichtung nicht gibt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „Der Henker“ ist eine großartige schwarze Komödie, und trotz spanisch-italienischer Co-Produktion und Hauptdarsteller Nino Manfredi eher ein Meilenstein des spanischen Films der Franco-Ära. Zahlreiche Tabus werden gebrochen, teils mit Einblicken in die Arbeit eines Bestattungsunternehmers, dessen Angestellte gelegentlich nicht mal den Namen des Dahingeschiedenen wissen, den sie begleiten oder mit einer Trauernden, die bei Öffnung eines überführten Sarges am Zollschalter des Flughafens ihren verstorbenen Mann nicht erkennt, weil dieser zu stark geschminkt wurde und ihm zwischenzeitlich ein Bart gewachsen ist. Das weitere Tabu ist natürlich der Umgang mit der Todesstrafe. Der Henker Amedeo, eigentlich ein recht netter alter Mann, mit dem aber kaum jemand etwas zu tun haben will, wegen seiner Profession. Allerdings sind Anekdoten über ungünstig verlaufene Exekutionen auch kein schönes Thema für ein Sonntagspicknik, mit solchen Dingen ist Amedeo aber recht unbekümmert. Ein schönes Beispiel ist auch die Geschichte, die Amedeo den beiden Leichenbestattern bei ihrer ersten Begegnung erzählt: die Verurteilten seien oft dankbar für seine Arbeit, so habe der soeben Hingerichtete ihm seine Uhr geschenkt und sich bei ihm entschuldigt, dass er seinetwegen so früh habe aufstehen müssen.

     

    Das Liebespaar Carmen und José, Tochter des Henkers und ein Bestattungshelfer finden also zusammen, beide Ausgestoßene der Gesellschaft. Dabei kommt einem das Wort Liebespaar nur schwer über die Lippen, denn trotz zärtlicher Annäherung scheinen beide eher Pragmatiker, und als Carmen schwanger ist, möchte José schon gerne kneifen, denn noch immer ist ihm die Vorstellung, die Tochter eines Henkers zu heiraten, zuwider. Regisseur und Autor Berlanga gelingt hier eine herrliche Szene, die all diese Ablehnung durch die Gesellschaft widergibt. Es ist der Tag der Hochzeit: zuvor hat ein anderes Paar geheiratet, alles ist dekoriert, die Orgel spielt, Blumenvasen, ein Teppich ist ausgerollt, dann betreten Carmen, José und Familie die Kirche – der Teppich wird eingerollt, der Pfarrer gibt Anweisung das Orgelspiel des Hochzeitsmarsches einzustellen, und während des Gelöbnisses löscht ein Messdiener bereits die Kerzen und entsorgt die Blumen. Die Trauzeugen - Josés Bruder und dessen (herrlich bösartige) Frau - versuchen sich abzusetzen, bevor sie dieses „schändliche Bündnis“ mit der Tochter eines Henkers unterzeichnen müssen.

     

    Kraftvoll und symbolisch zugleich ist auch das gesamte Finalszenario des Films. Josés Auftrag, einen Mörder zu exekutieren, findet in Palma de Mallorca statt. Er begibt sich mit Frau, Kind und Amedeo dorthin, denn niemand von ihnen hat zuvor das Meer gesehen oder konnte sich einen Urlaub leisten. Nun zahlt der Staat für ihren Aufenthalt, und weil der Delinquent krank geworden ist, verzögert sich die Hinrichtung, womit sich auch der Urlaub in der Sonne verlängert. Und so zeigt Berlanga ein Mallorca des Spaßtourismus mit Schönheitswettbewerben (die zu Generalissimo Francos Propaganda gehörten), schönen Stränden, Touristen aus aller Welt – während nicht weit entfernt im Gefängnis ein zum Tode Verurteilter darauf wartet, mit der Garotte erdrosselt zu werden. Ein augenzwinkerndes Zwischenspiel zum Thema Moral bietet auch die Szene in der Grotte, wo José und Carmen mit anderen Touristen auf eine romantische Darbietung auf dem vor ihnen liegenden unterirdischen See warten und sich verschämt darüber amüsieren, wie ausländische Paare sich bei Verlöschen des Lichtes in der Öffentlichkeit zu küssen beginnen. José und Carmen möchten das ebenfalls versuchen, aber es ist ihnen zu peinlich. Als dann plötzlich zwei Polizisten in einer Gondel auftauchen und per Megaphon José ausrufen lassen, er würde dringend Gefängnis erwartet, das scheint ihnen jedoch gar nicht peinlich.

     

    ANFANG SPOILER Die Szene kurz vor der Hinrichtung, die José durchführen muss, ist inspiriert von einer wahren Begebenheit. Am 19. Mai 1959 fand in Spanien die letzte Hinrichtung einer Frau statt, der Giftmörderin Pilar Prades Santamaria. Der Henker, Antonio Lopez Sierra, wollte sich weigern, nachdem er erfuhr, dass es sich bei seinem Opfer um eine Frau handeln würde. Der Gefängnisdirektor ließ ihn daraufhin mit Alkohol abfüllen und von seinen Männern zur Hinrichtung schleifen, die er dann in volltrunkenem Zustand durchführte. In Berlangas Film sehen wir hier Guido Alberti als Direktor, der gegenüber den Wachen trocken bemerkt, man solle die Zeugen vorwarnen, dass es diesmal keine saubere Hinrichtung werden würde. Bei Berlanga ist das Opfer allerdings keine Frau, das war nicht nötig, da es sich um die erste Hinrichtung des Protagonisten José handelte und das als Erklärung für sein Widerstreben ausreichte. Außerdem hatte Berlanga die spanischen Zensoren wohl schon genug provoziert. ENDE SPOILER

     

    Regisseur Luís García Berlanga gilt neben Juan Antonio Bardem als wichtigster, ernstzunehmender und kritischer Vertreter des spanischen Films während der Ära des Francofaschismus. Gemeinsam mit Bardem drehte Berlanga auch seinen ersten Spielfilm „Esa pareja feliz“ (1953). Sein im selben Jahr entstandener „Willkommen, Mr. Marshall“ erhielt in Cannes eine Auszeichnung als beste Komödie, und der 1961 gedrehte „Placido“ eine Oscar-Nominierung in der Sparte Bester Ausländischer Film. International ist der Name Berlanga nichtsdestotrotz nur wenig bekannt. Nach dem Franco-Regime machte er in Spanien vor allem durch eine Trilogie um die fiktive Adelsfamilie de Leguineche von sich reden, eine ebenfalls schwarzhumorige Geschichte um die Realitätsverweigerung der Oberschicht. Berlanga wurde 1987 als Erster mit dem Goya für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

     

    Als Kameramann von „El Perdugo“ wird Tonino Delli Coli genannt, und zusätzlich zu der Filmmusik von Miguel Asins Arbó gibt es ein schmissiges Titelstück von Adolfo Waitzman. Lebendig wird der Film aber letztendlich durch seine sehr normal und deswegen glaubhaft wirkenden Charaktere und Settings. Kein überzogenes Styling, Amedeos Tochter ist keine herausragende Schönheit sondern eine durchschnittliche, häusliche Frau, aber alle Charaktere haben so ihre liebenswerten Eigenarten.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb
    IMDb

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