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The Demon

Frankreich | Italien, 1963

  • Originaltitel: Il demonio
  • Alternativtitel:

    O Demônio (BRA)

    El demonio (ESP)

    Le démon dans la chair (FRA)

  • Regisseur: Brunello Rondi
  • Kamera: Carlo Bellero
  • Musik: Piero Piccioni
  • Drehbuch: Brunello Rondi, Ugo Guerra, Luciano Martino
  • Inhalt:

    Die junge Puríficazione, genannt Purí, lebt in einem einsamen Dorf, irgendwo im Süden Italiens. Sie hat es nicht leicht, sagt man doch sie sei eine Hexe. Eine Hexe, und von einem Dämon besessen. Und damit ist sie eine Rechtlose und Ausgestoßene. Von ihrem Vater wird sie geschlagen, vom Schäfer vergewaltigt, der Priester übt an ihr Exorzismen, und niemand tritt für sie ein, bei aller Qual bleibt sie doch immer alleine. Eigentlich liebt sie den Bauern Antonio, aber nach einer kurzen Liebelei hat der sich doch für eine “normale“ Frau entschieden, so richtig mit Heiraten und Kindern und so. Purí denkt aber nicht daran aufzugeben und versieht Antonio mit einem Liebesfluch. Der sich dann allerdings gegen sie selber wendet, denn Antonio hasst sie. Als eines Tages ein Gewitter aufzieht, und die Dorfbewohner mit Beschwörungen versuchen das Gewitter zu vertreiben, wird Purí in einem Baum sitzend entdeckt. Die Beschwörung muss also misslingen, da ja die Hexe vor Ort ist, und Antonio hetzt die Dorfbewohner gegen Purí auf. Mit Fackeln und Mistgabeln wird das Monster gejagt …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Lange habe ich diesen Text vor mir her geschoben, habe versucht ihn in eine Form zu bringen. Aber dies ist nicht möglich, zu sehr hat sich der Film auf mein Empfinden gelegt und die Möglichkeit, zusammenhängende Absätze zu schreiben, erstickt. Darum bleibt es bei dem Fragment eines Textes, beim Aneinanderreihen von Gedanken. Ein zerrissener Text über eine zerrissene Seele.

     

    Ein früher Morgen im stillen Bauernhaus. Auf dem Herd köchelt das Frühstück vor sich hin, die Szenerie könnte auf einen Zuschauer des 21. Jahrhunderts kaum romantischer wirken. Die junge Frau in der Küche sticht sich eine Nadel in die Brust und nimmt vorsichtig das austretende Blut auf. Dann schneidet sie sich einen Büschel Haare ab, packt diese zusammen mit dem Blut in einen Beutel und verbrennt ihn im Herd. Nach einigen Minuten nimmt sie die Reste des verbrannten Beutels heraus und  zerreibt sie. Später wird Antonio aus einer Flasche Wein trinken, in den Purí die Asche dieses Rituals eingemischt hat. Ein Liebeszauber, der ganz furchtbar in die falsche Richtung losgehen wird. Ein Liebeszauber in einem Land, in dem jeder an Hexen glaubt, das strengstens einem archaischen Katholizismus folgt, und wo vollkommen klar ist, dass Purí von einem Dämon besessen ist. Das ist auch kein Aberglaube, das ist allgemeingültiges Wissen. Und zwar so sehr, dass Purí selber sagt dass sie von einem Dämon besessen ist. Im Laufe des Filmes wird sie einen Exorzismus über sich ergehen lassen müssen, in dem dieser Dämon sich auch tatsächlich zeigt. 12 Jahre vor William Friedkins EXORZIST geht Purí verkehrtherum im Spinnengang, spuckt das Kreuz an und verhöhnt den Priester. Allein schon dieser Spinnengang, während dem Daliah Lavi immer noch ihren Text sagt, ist eine schauspielerische Leistung ohnegleichen. Die Szene ist bei weitem nicht so exploitativ wie bei Friedkin sondern in sich ruhend, denn sie lässt bei aller Überdrehtheit jegliche filmische Übertreibung vermissen. Sie wirkt realistisch, und gerade dadurch grauenerregend.

     

    Filmisch, also unabhängig von der fesselnden und zwingenden Geschichte, ist IL DEMONIO gleichfalls ein Meisterwerk. Die schwarzweißen Bilder intensivieren die Stimmung und potenzieren Purìs Einsamkeit gleich noch einmal.

     

    Puríficazione: Reinigung, Läuterung. Vielleicht ist Purí gar nicht die Verrückte als die sie von ihrer Umwelt angesehen wird. Vielleicht ist sie die einzige Normale in dieser Welt. Sie möchte eine Ehe eingehen aus Liebe und nicht aus finanziellen oder sonstigen Interessen, und sie versucht sich zu nehmen was sie will. Anders als alle anderen, die sich den Kirchenritualen unterwerfen und dem Ruf des Geldes.

     

    Der Zuschauer kommt aus der meist urbanen Welt des 21. Jahrhunderts und trifft auf Purí, die in einer geradezu mittelalterlich erscheinenden Welt lebt. Durch die überragende Schauspielkunst Daliah Lavis und die gekonnte Regie wird aber der Zuschauer in die Welt Purìs aufgenommen, er wird Teil dieser Welt. Purí ist einsam, entsetzlich einsam, und sie ist, nach modernen Maßstäben, wahrscheinlich schizophren. Daliah Lavi gibt dieser armen und nach Liebe dürstenden Seele so viel Raum, dass sich das Herz des Zuschauers tief für Purí öffnet, er empfindet mit ihr und für sie.

     

    Das Schicksal Purís ist bitter und intensiv inszeniert, und zieht den Zuschauer tief in eine altertümliche und harte Welt, in der jegliche Sozialromantik endgültig vorbei ist. Die zur Schau gestellten archaischen Bräuche müssen den modernen Großstadtmenschen entsetzen. Eine Prozession bei der schwere Steine getragen werden müssen und Geißelungen stattfinden. Ein Exorzismus im Kreise der Dorfgemeinschaft, genauso wie die Hochzeitsnacht zwischen Antonio und seiner Frau von der Gemeinschaft nach strengen Riten vorgeschrieben und deren Einhaltung überwacht wird. Jeglicher Individualismus wird dem Treiben des Teufels zugeschrieben. Was zu Purì führt.

    Purì lebt in ihrer eigenen Welt, und somit ist sie in dieser auf ihre Grundlagen reduzierten Welt eben eine Hexe. Eine von Gott abgefallene. Und sie wird auch nie zu Gott finden, da die Welt sie nicht lässt.

     

    In einer erschreckenden Szene versammeln sich alle Dorfbewohner auf dem Platz und beichten laut, vor allen Anwesenden, ihre Sünden. So erzählt zum Beispiel ein Mann, dass er seine Tochter vergewaltigt. Einzig Purìs Beichte, dass sie von einem Dämon besessen sei, entsetzt die Umstehenden und treibt sie von Purí fort. Dies ist keine lässliche Sünde wie etwa eine Vergewaltigung, hier müssen stärkere Kräfte als eine einfache Absolution ran. Dieser Dämon muss ausgetrieben werden. Und dafür gibt es die katholische Kirche, die in Ritualen, die zwischen hilflos und lächerlich pendeln, Menschen versucht zu brechen und zu willenlosen und arbeitsamen Kreaturen zu machen.

     

    Purí ist in dieser abgeschotteten Gesellschaft und inmitten des pulsierenden Aberglaubens nichts anderes als menschlicher Abschaum. Sie ist nichts wert, und dass ihre Familie sie vor dem Mob beschützt hat nur damit zu tun dass es eben Familie ist. Blutsbande. Aber auch dieses Band wird irgendwann überdehnt, und Purí wird noch ein Stückchen einsamer. Und auch … verrückter?

     

    Das wirklich Entsetzliche an IL DEMONIO ist, dass er zeitlos ist. Einmal ist ganz kurz ein Auto zu sehen, aber das kann auch ein Filmfehler sein. Anhand der Kleidung kann der Film ganz grob in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verortet werden, aber das ist auch schon alles. Und er ist nicht nur zeitlos, er ist auch ohne geographischen Bezug. IL DEMONIO könnte so auch ohne weiteres heute und in Deutschland spielen. Dann hieße er vielleicht JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN, aber sonst würde sich nichts ändern. Der Kern, nämlich das Anderssein inmitten einer in sich geschlossenen Gesellschaft und die daraus entstehenden Konsequenzen, der bleibt immer gleich.

     

    Mögen andere großartige Beschreibungen und Analysen über diesen Film schreiben, ich kann es nicht. Ein zerrissener Text über eine zerrissene Seele. Großes und einfühlsames Kino über einsame Menschen. Bilder die erschrecken. Die erschauern lassen. Die berühren. Ich bleibe vor diesem Film leer und sprachlos zurück und schaudere vor der Grausamkeit der Welt.

  • Autor: Maulwurf
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