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Deckname Scorpion

Italien | Türkei, 1978

  • Originaltitel: Bersaglio altezza uomo
  • Alternativtitel:

    Hedef (TUR)

    Target (Int.)

  • Regisseur: Guido Zurli
  • Kamera: Cristiano Pogany, Cetin Gürtop
  • Musik: Stelvio Cipriani
  • Drehbuch: Ettore Sanzò, Giampaolo Spagnesi, Guido Zurli, Erdogan Tünas
  • Inhalt:

    Scorpion, so wird in der deutschen Fassung Inspektor Keaton von der Interpol genannt, der in Istanbul versucht einen Drogenring auszuheben. Keaton tritt den fiesen Gangstern teilweise mächtig auf die Zehen, aber in einer Zeit und einem Land, in dem der Schnäuzer so selbstverständlich ist wie heute das Handy, wie sollen glattrasierte Menschen wie Luc Meranda oder Gabriella Giorgelli sich da jemals erfolgreich durchsetzen können?

     

    Der Champ, so wird Gengis genannt, weil er der beste Gewehrschütze von Istanbul ist. Hart trainierend bereitet er sich auf die kommende Schießmeisterschaft vor, aber bekanntlich kann der frömmste Schusswaffenexperte nicht in Frieden leben wenn es dem Bösen nicht gefällt, weswegen die Gangster Gengis anheuern wollen um Keaton aus dem Weg zu räumen. Gengis ist aber einer von den richtig lieben Menschen und weigert sich, woraufhin die Mobster Gengis’ Familie bedrohen: Seinen hochintelligenten Sohn, seine wunderschöne Frau, und am Schlimmsten: Die Mama! Mächtig böser Fehler …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Unter Trash-Gesichtspunkten gesehen ist DECKNAME SCORPION eigentlich ganz nett: Da wären eher desinteressierte italienische Schauspieler die sich über ihren bezahlten Urlaub am Bosporus freuen, und ziemlich engagierte türkische Schauspieler die ihre Karriere recht ernst nehmen. Dann der vollkommen unmotivierte Schnitt, der ziel- und planlos unzusammenhängende Szenen hintereinander schneidet in der Hoffnung dass daraus eine Handlung abgeleitet werden kann. (Tatsächlich changiert der Schnitt stilistisch zwischen Demofilo Fidani und Jean-Luc Godard, mit allen Vor- und Nachteilen die sich daraus ergeben können.) Die Musik von Stelvio Cipriani ist nett und plockert vor allem bei Verfolgungsszenen ein wenig durch die Gegend (das Wort „Jagd“ wäre meistens fehl am Platze, wobei: Das Rennen über die halbrunden Dächer, bei dem die Schauspieler wie Kugeln in einer Murmelbahn immer hoch und runter und hin und her laufen, das wirkt schon recht gut und macht wirklich Spaß beim Zuschauen), Spannungsmomente müssen hingegen leider mit ohne Musik auskommen. Die Bilder von Istanbul sind sehr schön und machen Lust auf Urlaub, die Schnäuzer der Männer sind geradezu pornös und die (schnäuzerfreien) Damen hübsch anzuschauen und fast ausnahmslos bekleidet. Ach ja, und die Actionszenen sind mindestens von Jess Franco inszeniert, so hölzern wie die aussehen …

     

    Wie gesagt, wenn man nicht so hohe Qualitätsansprüche hat ist das alles so weit so nett, zumindest was die erste Stunde betrifft. Die letzte halbe Stunde, also etwa ab der Vergewaltigung von Gengis’ Frau, wird merkwürdigerweise tatsächlich ein klein wenig dunkler und spannender, also etwa so als ob der Neffe von Fernando di Leo den Set besucht hat. Die Atmosphäre wird dichter, die Schlagzahl erhöht sich, und die Gangster mutieren von Räuber Hotzenplotz-Imitaten zu richtig ambitionierten Vorstadtgaunern. Ist man also bereit, sich mit einem Bier in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht durch die ersten 60 Minuten zu wurschteln, bekommt man im Resümee einen eigenartig inszenierten Polizeifilm mit wenig richtigen Höhepunkten, schönen Urlaubsbildern und einem Jess Franco-artigen und gar nicht so üblem Showdown zu sehen.

     

    Wenn da nicht dieses böse böse Manko namens Synchro wäre! Der deutsche Ton dürfte wohl eine Videosynchro darstellen und wurde offensichtlich von Gelegenheitsjobbern verbrochen, denen man einen Zehner und ein warmes Brötchen in die Hand drückte. Im Ernst, dieses vollkommen desinteressierte Ablesen schlecht verfasster Texte verdirbt den Film definitiv! Jede Einkaufsliste versprüht mehr Spannung. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass vor allem im ersten Drittel meist nur dann gesprochen wird wenn die Schauspieler gerade nicht zu sehen sind. Wie so oft bei alten Rainer Brandt-Blödelsynchros also, nur ohne die Brandt’sche Qualität und ohne das Blödel. Also eigentlich nur Blöde …

    Schade, denn da wird viel Porzellan zerschlagen in einem Film, der sowieso schon nicht das Gelbe vom Ei ist. Beispiele? Gerne …

     

    Nach einem großen Drogenfund heben die Polizisten schwere und stabil aussehende Holzkisten vom LKW. Männliche Stimme aus dem Off: „Vorsicht, die Dinger sind zerbrechlich wie Ostereier. Es ist aber keine Schokolade drin.“ Eine Frauenstimme meint „Sie müssen ziemlich gut sein, wenn man bedenkt was sie kosten.“, und der Mann dazu (in diesem väterlich-widerlichem Ich-erklär-der-Frau-jetzt-was-aber-das-versteht-sie-eh-nicht-weil-sie-eine-Frau-ist-Tonfall): „Ich würde sie nicht probieren. Davon bekommst Du bestimmt Magenschmerzen.“ Hach ist das lustig …

     

    Und so geht es weiter: Schnitt. Ein paar Männer werden im Gegenlicht wohltemperiert zum Aussagen aufgefordert. Schnitt. Ein dicker Mann telefoniert. Schnitt. Am Hafen wird eine einminütige Razzia durchgeführt. Schnitt. Zeitungen laufen vom Band. Schnitt. Eine Gruppe Männer, unter anderem der dicke Telefonist, sitzen am Meer und versuchen vom starken Wind nicht fortgeblasen zu werden. Der Dicke liest aus der Zeitung vor. (Als er sie ausgelesen hat lässt er sie einfach los und der Wind trägt sie fort. Also nicht nur Drogenhändler, sondern auch noch Umweltverschmutzer! Wat enne fiese Möpp!!) Offensichtlich hat man es hier mit den Muftis der bösen Drogenbande zu tun und der Dicke ist der Obermufti. Er sagt: „Wir müssen unbedingt handeln. Wenn sie mich schnappen bricht die ganze Organisation zusammen!“ Lapidare Antwort: „Würde ich nicht sagen …“

     

    Das muss man halt einfach gesehen haben, denn die Kombination aus der vollkommen emotionslosen Inszenierung im Fidani-Style und den gelangweilt abgeleierten Texten, die spricht entweder den Trash-Fan im Filmfreund an oder sie sorgt für frisches Futter für die Mülltonne.

     

    Dabei gilt, dass die türkischen Darsteller dem südeuropäischem Cast ziemlich die Schau stehlen. Vor allem Kadir Inanir als Gengis macht mit lässiger Kleidung, ebensolchem Auftreten und gutem Aussehen einiges her, und der geschätzt 10 Minuten lang vorbeischauende Luc Merenda hat da nicht wirklich viel zu melden. Der Achim Mentzel-Lookalike Hüseyin Baradan hingegen, der die Rolle spielt die in einer rein italienischen Produktion Nello Pazzafini inne hätte, ist mit seinem Nasses-Meerschweinchen-mit Schnäuzer-Look und seiner fiesen Art einer der Höhepunkte des ganzen Films. Köstlich die Szene, in der Chef und Kapo der Gangster lachend daneben stehen wenn Gengis ihre eigenen Leute verdrischt …

    Gerade Kadir Inanir und Hüseyin Baradan, die als direkte Gegenspieler agieren, retten den Film dann doch noch ganz knapp. Kunststück, sind doch beide altgediente Haudegen des türkischen Kinos, die über 160 Filme (Inanir) bzw. 250 Filme (Baradan) in ihrer Vita stehen haben. Somit ist DECKNAME SCORPION insgesamt weniger ein harter Italo-Poliziotteschi als vielmehr ein türkischer Räuber- und Gendarm-Film mit europäischen Gaststars. Was auch erklärt, warum die Frauen nie wirklich nackt zu sehen sind (sondern stattdessen ansprechend knapp verhüllt) und das Innere der Hagia Sophia bestaunt werden darf.

     

    Wenn also Demofilo Fidani in Istanbul mit ausdrucksstarken türkischen Schauspielern einen Film inszeniert hätte, der würde dann etwa so aussehen. Schlecht war es nicht, aber ob ich mir den jemals ein zweites Mal gebe glaube ich ehrlich gesagt nicht …

     

    Ein Inside Joke allerdings darf gelüftet werden: Es ist immer die Rede davon, dass der Oberboss der Gangster eine einflussreiche und wichtige (sic!) Persönlichkeit ist, es wird aber niemals erwähnt wer er eigentlich ist. Die Lösung ist – es ist der Produzent des Films Giuseppe „Beppe“ Colombo persönlich, der hier als Joe Pidgeon auftritt. Und in diesem Zusammenhang muss man sich das oben angeführte Gespräch am Strand noch einmal auf der Zunge zergehen lassen …

  • Autor: Maulwurf
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