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Decameron

Frankreich | Deutschland | Italien, 1971

  • Originaltitel: Il Decameron
  • Alternativtitel:

    El Decamerón (ESP)

    Le Décaméron (FRA)

    Decamerone

    The Decameron

  • Deutsche Erstaufführung: 08. Oktober 1971
  • Regisseur: Pier Paolo Pasolini
  • Kamera: Tonino Delli Colli
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Pier Paolo Pasolini
  • Inhalt:

    Mittelalterliche Geschichten um Leben und Tod, um Liebe und Sex, um die Angst vor der ewigen Verdammnis und die Sehnsucht nach dem irdischen Paradies: Ein junger Mann schmuggelt sich als Taubstummer in ein Kloster um dort alle Nonnen zu besteigen. Drei Brüder wollen nicht dass ihre Schwester vom sizilianischen Lehrling beschlafen wird und töten ihn. Ein junges Mädchen wird beim Beischlaf von ihren Eltern erwischt und muss ihren Angebeteten, zu ihrer beider Freude, heiraten. Ein Mann wird von einer Trickdiebin beraubt und gerät buchstäblich in die Scheiße. Ein Priester gibt vor, aus einer Frau eine Stute machen zu können, damit sie und ihr Ehemann mehr Geld verdienen können. Das Schwierigste ist dabei die Sache mit dem Schwanz ...

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Vor längerer Zeit hatte ich PASOLINIS TOLLDREISTE GESCHICHTEN gesehen, die Umsetzung der Canterbury Tales nach Geoffrey Chaucer, was sich als deftig-zauberische Mischung aus Sex und Witz entpuppte. Mit entsprechender Erwartung bin ich an das DECAMERON herangegangen, welches ja in der Literatur als eine der großen und bunten Erzählquellen des Mittelalters gehandelt wird.

     

    Für mein Empfinden trifft Pasolini hier nicht ganz den sündig-humorvollen Ton der TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, wobei das aber nicht so negativ gemeint ist wie es sich anhört. Pasolini hat zwei große Themenblöcke erschaffen, die von jeweils einer Rahmenhandlung sehr sehr lose zusammengehalten werden. Der erste Block handelt vom Sünder Ciappelletto, der im Leben ein herzloser und böser Mensch war, und sich sogar bei der Beichte auf dem Sterbebett noch als Heiliger verkauft, der zweite Block zeigt die Erschaffung eines Kirchengemäldes durch einen großen Künstler (gespielt von Pasolini selbst). Rund um diese beiden Gegensätze, einmal das (weltliche) Leben für die Sünde und einmal (das geistige Leben) für die Kunst, sind dann die einzelnen Episoden gruppiert.

     

    Dabei geht es sehr wohl mittelalterlich-deftig zur Sache. Der „taubstumme“ Gärtner Masetto hat einen in Großaufnahme gezeigten erigierten Penis, die traurige Schwester gräbt den Kopf ihres ermordeten Geliebten in einen Topf voll Basilikum und stellt den Topf auf ihr Fensterbrett, und der Kaufmann Andreuccio fällt auf einem angesägten Brett mitten in ein gut gefülltes Plumpsklo hinein. Pasolini zeigt dabei neben dem zentral angelegten Sex auch immer wieder den Tod. Mit ihm beginnt sogar der Film, wenn Ciappelletto eine eingewickelte Leiche verschwinden lässt. Somit sind die mittelalterlichen Lebensgrundpfeiler Gott, Liebe (in allen ihren Erscheinungsformen) und Tod immer präsent und zeigen ein warmes und prachtvolles Sitten- und Zeitbild.

     

    Und auch wenn das jetzt alles furchtbar akademisch klingt, so strahlt der Film doch viel Erotik und vor allem Heiterkeit aus. Wie ein warmes Tuch unter welches man sich im Winter legen kann, wärmt DECAMERON die Seele und entfacht die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben in einem warmen Land. Da gibt es diese Szene, wenn Caterina und Riccardo nackt auf der Terrasse schlafen. Unter ihnen das stille Land, und sie beide eng nebeneinander, beseelt mit Liebe. So muss Sommer aussehen! So kann (und sollte) Leben aussehen!!

     

    Vieles, wenn auch nicht alles in diesem Film, ist heiter und still. Die Szenen gehen ohne erkennbaren Anfang oder Ende ineinander über, und sind nicht immer klar voneinander trennbar. Wie im richtigen Leben eben auch. Was es, ich hatte es bei den TOLLDREISTEN GESCHICHTEN bereits geschrieben, für den heutigen Zuschauer nicht immer ganz einfach macht die einzelnen Geschichten voneinander zu trennen (so dies überhaupt notwendig ist). Aber die Stimmung, diese leichte und schwebende Stimmung, die trifft Pasolini ganz hervorragend. Nicht so magisch wie bei den TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, zwischen dem warmen Licht Südenglands und der unerbittlichen Hitze Italiens besteht halt doch ein gewisser Unterschied. Aber der Sexus flirrt gerade in dieser Hitze ganz besonders und mischt sich mit dem südländischen Lebensgefühl zu einem Cocktail der Leichtigkeit. Somit sind also weder eine erkennbare Handlung noch gar ein Spannungsbogen zu erwarten, aber Heiterkeit und warme Gefühle, das gibt es hier ohne Zweifel.

     

    Und noch eines gibt es hier, nämlich natürliche italienische Laiendarsteller, die DECAMERON das besondere Etwas geben. Wie bei Sergio Leone verweilt die Kamera oft und lang auf den Gesichtern der Darsteller, auf Gebissruinen und Charakterfressen, und zeigt so das ganze pralle Leben in seiner reinsten Erscheinungsform. Ungeschönt und unberührt von irgendwelchen idiotischen überhöhten Idealen sehen wir hier MENSCHEN, und keine Abziehbilder, sehen wir ungeschminkte Schönheit anstelle von künstlichen Abnormitäten.

     

    Fazit: Ent-Spannend, in jeder Hinsicht …

  • Autor: Maulwurf
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