Crime Thief

Frankreich | Italien, 1969

  • Originaltitel: Le voleur de crimes
  • Alternativtitel:

    O Ladrão de Crimes (BRA)

    El ladrón de crímenes (ESP)

    Il ladro di crimini (ITA)

    O Ladrão (POR)

  • Regisseur: Nadine Trintignant
  • Kamera: Pierre Willemin
  • Musik: Jack Arel, Jean-Claude Petit, The Electric Prunes
  • Drehbuch: Nadine Trintignant
  • Inhalt:

    „Ich war schon immer ein Niemand. Ich wurde verhöhnt, gedemütigt und verkannt. Man hat mir die Türen vor der Nase zugeschlagen.“

     

    Der erfolglose Schriftsteller Jean Girod (Jean-Louis Trintignant) wird eines schönen Tages rein zufällig Zeuge eines Selbstmordes in einem abgelegenen Steinbruch, bei dem sich eine unbekannte Frau in ihrem Wagen von einer Klippe stürzt. Zunächst hatte der Schriftsteller noch den Versuch unternommen, die junge Frau von ihrem endgültigen Unterfangen abzuhalten, was aber letztendlich scheiterte. Daher muss er hilflos mitanschauen, wie der Wagen nach seinem Flug über die Klippen am Boden zerberstet und die junge Frau mit in den Tod reisst.

    Doch annstatt seine entsetzlichen Beobachtungen der Polizei mitzuteilen, indentifiziert sich der von Gesellschaft und Staat völlig entfremdete Schriftsteller mit der Rolle eines imaginären Täters und spielt der Presse unter dem Deckmantel des selbsternannten “Steinbruchmörders” fiktve Bekennerschreiben zu. Diese lässt sich natürlich nicht lumpen und veröffentlicht diese postwendend auf dem sensationsträchtigen Titelblätter ihrer Gazetten, wodurch der wahnhafte Schreiberling in der Rolle des fiktiven Täters zugleich in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gelangt und somit erstmals das Gefühl von gesellschaftlicher Anererkennung und Macht erfahren darf.

    Aufgrund der neu gemachten Erfahrungen steigert sich der komplexbehaftete Schriftsteller in Verbindung mit einer weiterhin fortschreitenden Verkennung der Realität immer tiefer in einen psychopathologischen Zustand hinein und entwickelt dabei zugleich einen krankhaften und tödlichen Größenwahn, den er aber gegenüber seiner Familie und Freunden zunächst noch recht gut verbergen kann.

     

    Um seine neu-gewonnene “schizophrene Psychose mit paranoiden Zügen“ besser ausleben zu können, mietet er sich hinter dem Rücken seiner ahnungslosen Familie in einem leerstehenden Appartement des Bruders seines besten Kumpanen Chris“tian“ (Robert Hossein) ein und startet von dort aus seinen wahnhaften Aufstieg auf der paranoiden Karriereleiter in der Rolle seines erschaffenen Alter-Egos, dem unbändigen und über Alles erhabenen Steinbruchmörders.

     

    Nachdem sich Jean eine Zeit lang noch recht gut in der Anonymität seines wahnhaften Ruhms suhlen kann, wird ihm schließlich doch die Unerträglichkeit der Anonymität zum Verhängnis und es kommt zum einem unausweichlichen Worst-Case-Szenario.

     

    „Ich bin nicht wie Ihr. Meine Tat unterscheidet mich für immer von Euch. Ich bin außergewöhnlich. Daher verachte ich Euch.“

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    In familiärer Zusammenarbeit mit ihrem damaligen (noch-) Ehemann “Jean-Louis Trintignant” (u.a. “Ich bin wie ich bin - Das Mädchen aus der Carnaby Street” – 1967, “Leichen pflastern seinen Weg” – 1968, “Die Falle” – 1968, “Così dolce... così perversa” - 1969) lässt die französische Drehbuchautorin und Filmemacherin „Nadine Marquand-Trintignant” (u.a. “Mon amour, mon amour” - 1967, “Das passiert immer nur den anderen” - 1971, “Die Angst vor der Wahrheit” - 1973) in ihrer erstklassigen Inszenierung dem Wahnsinn freien Lauf und lehrt den Zuschauer zugleich das Fürchten vor ihrer besseren Hälfte, der in der Rolle des völlig wahnhaften Schriftstellers “Jean” eine seiner intensivsten Darbietungen abliefern darf.

    Bereits in der Eröffnungsszene wird dem Zuschauer ein in Handschellen geketteter Jean-Louis präsentiert, der gerade von den Hütern des Gesetztes abgeführt und abtransportiert wird. Daraufhin folgt zunächst der Vorspann, bevor es dann mit dem eigentlich Zustandekommen der bereits gesehenen Ausgangssituation erst richtig los geht. Der eigentliche Ausgangspunkt der Geschichte ist das zufällige Beiwohnen unseres erfolglosen Schriftstellers während des Suizids der unbekannten Dame, indessen Folge bei Jean-Louis wahnbehaftete Allmachtsfantasien ausgelöst werden, die wiederum für ihn eine Spaltung seiner Persönlichkeit zur Folge haben. Von da an driftet Monsieur Trintignant durch sein erschaffenes Alter Ego immer tiefer in seine paranoide Scheinwelt ab und lebt seinen pathologischen und höchst fremdgefährdeten Wahn völlig ungezügelt in Form der imaginären Person des Steinbruchmörder aus.

     

    Schauspielerisch bewegt sich das Ganze dann auf einem ganz hohem Niveau, da er den wahnsinnigen Schriftsteller erstklassig verkörpert und aufgrund seiner Intensität beim Zuschauer sogar eine Gänsehaut auslösen kann. Dieser Auftritt bleibt unvergessen und erinnert zudem von seiner Darstellungsweise ein wenig an die spätere Glanzrolle von “Gian Maria Volonté” in Elio Petris meisterhaften “Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“, wobei Volontés einzigartige Wahnhaftigkeit letztendlich aber doch unerreicht bleibt.

     

    Neben Jean-Louis gibt es aber auch noch die bezaubernde “Signora Bolkan” (u.a. “Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger” – 1970, “A Lizard in a Woman's Skin” – 1971, “Don't torture a Duckling” – 1972, “Ein achtbarer Mann” – 1972, “Spuren auf dem Mond” – 1975) in der Rolle der leichtlebigen “Florinda” zu bestaunen, die unseren paranoiden Protagonisten mit ihren verführerischen Reizen und der Ähnlichkeit zu seiner Ehefrau “Giorgia Moll” noch tiefer in seine verhängnisvolle Wahnwelt stürzen lässt. Wenn das nur mal gut geht.... Weiterhin befinden sich auch noch der unermüdliche “Robert Hossein” (u.a. “Sonderdezernat C III Montmartre – 1966”, “Wer singt, muß sterben” – 1967, “Friedhof ohne Kreuze” - 1969) in der Rolle des Künstlers “Tian” und die symphatisch-markante und immer wieder gerne gesehe Hackfresse “Serge Marquand” (u.a. “...und vor Lust zu sterben “- 1960, “Der Bastard” - 1968, “Negresco” - 1968, “Friedhof ohne Kreuze” - 1969) mit an Bord, wobei Letztgenannter als leiblicher Bruder von Madame Trintignant gleichfalls in einer familiären Beziehung zur Regisseurin steht.

     

    Auf der musikalischen Ebene wird hier auch rein gar nichts anbrennen gelassen, denn für den beatlastigen Hammond-Prog-Rock Sound wurden gleich mal 3 verschiedene Klangkünstler vom Fleck weg engagiert, deren gemeinsames Endprodukt sich dann als ein erstklassiges Hörerlebnis entspuppt. Neben ein paar wenigen Kompositionen der beiden französischen Musikern “Jack Arel” und “Jean-Claude Petit“ werden hier hauptsächlich Tracks des choral-rock lastigen “Mass in F Minor” Albums der psychedelischen Expeimentalrocker “The Electric Prunes” verwendet, die sich zudem auch für die großartige Nummer “Shadows” aus dem fulminanten “Das Rasthaus der teuflischen Schwestern - 1968” verantwortlich zeigen.

     

    Abschließend sei noch kurz auf eine weitere hochkarätige Zusammenarbeit des Trintignant/Marquand-Clans hingewiesen, nämlich auf die erstklassige Produktion “Die Angst vor der Wahrheit” aus dem Jahre 1973, der im Direktvergleich zu “Le Voleur De Crimes” zwar etwas unspektakulärer ausgefallen ist, aber gleichfalls sehr begeistern konnte.

     

    Fazit: Ein meisterhaftes Werk des Wahnsinns mit einem von Allmachtsfantasien besessenen Jean-Louis Trintignant in Bestform! Dieser Auftritt bleibt unvergessen!

  • Autor: Richie Pistilli
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