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Ein Bürger setzt sich zur Wehr

Italien, 1974

  • Originaltitel: Il cittadino si ribella
  • Alternativtitel:

    O Vingador Anônimo (BRA)

    El ciudadano se rebela (ESP)

    A Revolta Dum Cidadão (POR)

    Anonymous Avenger (GBR)

    Revenge (GBR)

    Vigilante II (GBR)

    Street Law (USA)

    Ein Mann schlägt zurück

  • Deutsche Erstaufführung: 27. Mai 1975
  • Regisseur: Enzo G. Castellari
  • Kamera: Carlo Carlini
  • Musik: Guido De Angelis, Maurizio de Angelis
  • Drehbuch: Massimo De Rita, Arduino Maiuri
  • Inhalt:

    Genua im Jahre 1974: In der berühmt berüchtigten Hafenstadt regiert allerorts das nackte Grauen, da sowohl brutale Raubüberfälle, Entführungen, Wohnungseinbrüche als auch Mord und Totschlag zwischenzeitlich auf die ganz reguläre Tagesordnung gerückt sind. Der Polizei sind angesichts der Übermacht des allgegenwärtigen Verbrechens die Hände gebunden, wodurch wiederum ihr Ansehen in großen Teilen der Bevölkerung fast schon gänzlich am Nullpunkt angelangt ist. Als dann auch noch eines schönen Tages der ehrenwerte Ingenieur Carlo Antonelli (Franco Nero) - dessen Wohnung übrigens gerade erst kurz zuvor von dreisten Einbrechern verwüstet wurde - seinen hart verdienten Monatslohn in einer der zahlreichen Postfilialen Genuas einzahlen möchte, wird dieser plötzlich Opfer eines gemeinen Raubüberfalls, infolgedessen ihm nicht nur sein komplettes Geld flöten geht, sondern er selbst auch noch ungefragt von den Gangstern in Geiselhaft genommen wird. Nach einer rasanten Verfolgungsjagd mit der Polizei findet diese den äußerlich schwer lädierten Ingenieur schließlich im zwischenzeitlich am Hafen abgestellten Fluchtfahrzeug vor. Und als Antonelli während des anschließenden Verhörs durch den ermittelnden Kommissar (Renzo Palmer) plötzlich klar wird, dass die Polizei mit der momentanen Situation maßlos überfordert zu sein scheint, sieht er für sich nur noch den einen Ausweg: Er muss das Gesetz selbst in die Hand nehmen!

     

    Gesagt, getan und bereits am darauffolgenden Tag beginnt Antonelli frohen Mutes mit seiner Ermittlungsarbeit im kriminellen Milieu Genuas. Bleibt nur noch die Frage, ob am Ende des langen Tages nicht auch das Blut Unschuldiger an seinen Fingern klebt?

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    "Wann wird endlich was gegen Gewalt und Terror unternommen?"

     

    Und genau mit dieser Fragestellung beschäftigt sich dann auch Enzo G. Castellari in seinem 1974 inszenierten Film EIN BÜRGER SETZT SICH ZUR WEHR, wobei er diese aber letztlich von seinem vertrauten Stammschauspieler und persönlichen Freund Franco Nero beantworten lässt. Nachdem die beiden Genrefilmlegenden während ihrer ersten Zusammenarbeit (TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT) noch nicht so richtig miteinander warm wurden, brachten die Dreharbeiten zu ihrem zweiten gemeinsamen Film das noch vorherrschende Eis endgültig zum brechen, woraus dann wiederum nicht nur fünf weitere Koorporationen resultierten sollten, sondern auch eine echte Männerfreundschaft, die darüber hinaus bis zum heutigen Tag Bestand zu haben scheint.

     

    Orientierte sich Castellari bei seinem Vorgänger TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT augenscheinlich an William Friedkins FRENCH CONNECTION, so erinnert sein selbstjustizielles Actiondrama EIN BÜRGER SETZT SICH ZUR WEHR in erster Linie an Michael Winners EIN MANN SIEHT ROT, der nur wenige Monate zuvor seinen Welterfolg feierte. Und obwohl der Regisseur seinen Freund und Hauptdarsteller in der Rolle des europäischen Quasi-Pendants zu Paul Kersey (Charles Bronson) eigentlich weitaus weniger rabiat vorgehen lässt, rappelt es inszenatorisch dennoch stets ordentlich im Karton. Neben den peckinpahtypischen Zeitlupeneffekten, die übrigens in KEOMA und EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE ihre Vollendung finden sollten, sind es gerade die fulminant inzenierten Actionszenen, die sich in Verbindung mit den eindrucksvollen Halleffekten unwiderruflich im Gedächtnis des Zuschauers einbrennen. Hinzu gesellt sich eine spannend inszenierte Geschichte, die durchwegs mitzureißen weiß - und die gut gelaunten Darsteller erledigen dann den Rest.

     

    Leider wurde die deutsche Kinofassung von dem damaligen Verleiher bereits vor ihrer Wideraufführung um ca. 20 Minuten an sowohl Gewaltszenen als auch erklärenden Handlungssträngen erleichtert, infolgedessen die einzelnen Rollencharaktere nicht nur weitaus oberflächlicher wirken, als es eigentlich in der italienischen Originalfassung der Fall ist, sondern auch deren jeweilige Beweggründe größtenteils im Dunkeln bleiben. Dies hat wiederum zur Folge, dass die Protagonisten in der deutschen Wiederaufführungsfassung völlig andere Charakterzüge aufzeigen und somit auch im Großen und Ganzen weitaus willenloser zu agieren scheinen. Am gravierendsten traf es dabei den von Giancarlo Prete verkörperten Rollencharakter, da dessen sozialer Background und somit auch die eigentlichen Gründe für sein kleinkriminelles Handeln gänzlich unter den Tisch gekehrt wurden. Leider wurde durch das deutsche Schnittmassaker auch die eigentlich hervorragende Synchro in erhebliche Mitleidenschaft gezogen, da diese zwar für die ursprünglich längere Erstaufführungsfassung erstellt wurde, welche aber meines Wissens nach auch weiterhin als verschollen gilt. Somit überlebte scheinbar nur die stark gekürzte Synchro der Wiederaufführungsfassung, welche aber für zahlreiche Filmliebhaber als Dubspur für die italienische Originalfassung weniger geeignet sein dürfte, da sich der ständige Sprachwechsel im gefühlten Minutentakt über die gesamte Laufzeit des Films hinzieht. Schade, denn Wolfgang Hess passt mit seiner markanten Reibeisenstimme bestens für den von Franco Nero dargestellten Rollencharakter.

     

    "Wenn man sich nicht selbst hilft, geschieht nichts!"

     

    So in etwa düfte dann auch das Credo lauten, welches sich Franco Nero in der Rolle des rachewütigen Ingenieurs Antonelli auf die Fahne geschrieben hat, denn der nervlich leicht überreizt wirkende Hitzkopf setzt im Verlauf des vorliegenden Films alles daran, damit es am Ende für den Zuschauer auch ordentlich kracht. Von kriminellen Banden erniedrigt und von der Polizei im Stich gelassen, sieht Carlo Antonelli die oftmals ach so zurecht gescholtene Selbstjustiz als einzige Möglichkeit, um dem außer Kontrolle geratenen Treiben krimineller Machenschaften Paroli bieten zu können. Dabei geht Antonelli die Sache im Vergleich zu seinem US-Pendant Paul Kersey um einiges ruhiger an, denn im Gegensatz zu diesem widmet er sich zunächst ausschließlich der reinen Ermittlungstätigkeit, anstatt direkt zur Waffe zu greifen. Als der privatinvestigative Ingenieur dann aber der Polizei handfeste Beweise gegen die vermeintlichen Missetäter auf einem frischpolierten Silbertablett präsentiert, und diese daraufhin weiterhin untätig bleibt, dreht Antonelli erst so richtig auf und beschwört damit einhergehend das unausweichliche Unheil herauf. Während seines nicht gerade geschickt geführten Ermittlungsstreifzugs begeht der aus gutem Hause stammende Ingenieur außerdem den groben Fehler, alle Kriminellen Genuas über einen Kamm zu scheren, denn egal ob Ladendieb oder Mörder, vor Antonellis Augen gehören alle Verbrecher Genuas - ungeachtet der Schwere und des Verwerflichkeitsgrads ihrer Tat - gleich hart bestraft! Dies hat wiederum zur Folge, dass er nicht nur sich selbst immer tiefer in die Bredouille reitet, sondern auch noch ungefragt unbeteiligte Mitmenschen ins Verderbnis reißt, denn Antonelli scheint von Natur aus unbelehrbar zu sein.

     

    "Gesetze sind wie Spinnweben: Sie fangen die kleinen Fliegen, aber die großen Brummer reißen Löcher hinein und fliegen ungehindert mittendurch!"

     

    Kommen wir zu Giancarlo Prete und seinem darzustellenden Rollencharakter Tommy, der sich als liebenswerter Kleinkrimineller aus der Not heraus mit Gaunereien über Wasser halten muss, da sein Leben von Geburt an unter keinem guten Stern stand. Gefangen im gesellschaftlichen Armutssumpf versucht Tommy notgedrungen einen Weg aus der Sackgasse des Lebens zu finden, auch wenn er hierfür andauernd die Grenzen zur Legalität überschreiten muss. Dabei hegt er eigentlich den Traum, irgendwann einmal in seinem Leben Besitzer einer stinknormalen Autowerkstatt zu sein, doch als er urplötzlich von einem Unbekannten (Antonelli) mit kompromittierenden Bildmaterial erpresst wird, scheint sein Traum endgültig ausgeträumt zu sein. Zwar entspannt sich die Lage im weiteren Verlauf zwischen ihm und dem rachesüchtigen Ingenieur allmählich, aber die daraus resultierende Annäherung bringt für ihn letztendlich ein noch viel schwerwiegenderes Unheil mit sich.

     

    Dann wäre da auch noch die reizende Barbara Bach, die sich in der Rolle der Ehefrau Antonellis nicht nur ständig in Sorge um diesen befindet, sondern beim Versuch ihn zur Vernunft zu bringen auch gleich noch eine ordentliche Backpfeife einfängt. Arme Barbara! Ferner wurde ihre sowieso schon recht dünne Spielzeit in der deutschen Kinofassung fast gänzlich herausgekürzt, so dass sie in dieser auch nur noch wie schmückendes Beiwerk wirkt. Die Rolle des ermittelnden Kommissars wird im vorliegenden Fall vom immer wieder gern gesehenen Renzo Palmer verkörpert, der seine Sache obendrein mit gewohnter Bravour erledigt. Kommen wir zu Enzo G. Castellari, der uns auch dieses mal wieder mit einem kurzen Cameo-Auftritt begegnet, und zwar in der Rolle eines dubiosen Hafenarbeiters, der einen hilfesuchenden Ganovenbruder harsch abweist. Wer übrig bleibt, sind die drei hundsgemeinen Missetäter, die von keinen geringeren als den zwei stunterprobten Nebendarstellern Massimo Vanni und Nazzareno Zamperla und dem allseitsbeliebten Genreschauspieler Romano Puppo dargestellt werden. Und mit diesen veranstaltet dann Antonelli ein lebensgefährliches Katz- und Mausspiel, bei dem sich die Spielrichtung dann auch noch ständig dreht.

     

    "Goodbye my friend - You won't be anymore with me
    I feel inside myself a pain - That I can't fight
    But the road I have to run - Is so long"

     

    Die letztlich aus nur drei verschiedenen Themen bestehende Filmmusik stammt übrigens aus der weltbekannten Soundtrackschmiede der beiden de Angelis Brüder und zählt obendrein zu meinen persönlichen Favoriten. Zur Eröffnung der Vortitel-Sequenz erklingt zunächst das polizeifilmtypische Musikstück "Il cittadino si ribella", welches den Zuschauer aufgrund seines prägnanten Basslaufs auch sogleich in die richtige Stimmung versetzt. Der grandiose Titeltrack "Goodbye My Friend" entpuppt sich daraufhin als eine opulente Prog-Rock Nummer, die sich nicht nur gleich auf Anhieb unwiderruflich in meinem Gehörgang festsetzen konnte, und daher auch heutzutage noch mit aller Regelmäßigkeit aus den heimischen Boxen hallt; sondern gerade im Zusammenspiel mit den gezeigten Bildern eine der denkwürdigsten Titelsequenzen des italienischen Polizeifilms darstellt. Die dritte Nummer trägt den Titel "Drivin' All Around" und ist ihres Zeichens eine sowohl tiefentspannte als auch zugleich groovende 'laid back' Komposition mit lockerem Funkeinschlag. Und diese drei Themen werden dann die gesamte Laufzeit über in den verschiedensten Variationen wiederholt.

     

    Fazit: Ein zu Unrecht gescholtenes Selbstjustizdrama, da an dessen Ende die eindeutige Message steht, dass sich Vigilantentum eben nicht auszahlt und letztendlich nur zu Heulen und Zähneknirschen führt.

  • Autor: Richie Pistilli
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