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Bora Bora

Frankreich | Italien, 1968

  • Originaltitel: Bora Bora
  • Deutsche Erstaufführung: 06. März 1970
  • Regisseur: Ugo Liberatore
  • Kamera: Leonida Barboni
  • Musik: Piero Piccioni
  • Drehbuch: Ugo Liberatore
  • Inhalt:

    Roberto (Corrado Pani) kommt nach Tahiti um seine Frau Marita (Haydée Politoff) zu suchen, die ihn vor einiger Zeit verlassen hat. Er findet sie sehr glücklich in den Armen des Insulaners Maní (Antoine Coco Puputauki). Aber Roberto ist ein Macho wie er im Buche steht und gibt nicht so schnell auf – er weiss zwar nicht so recht was er eigentlich auf Tahiti will, aber das mit ganzer Kraft …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Was möchte uns der Regisseur mit diesem Film sagen? Möchte er beweisen, dass bereits 12 Jahre vor CANNIBAL HOLOCAUST ekelhafter Tiersnuff gedreht wurde? War 1968 vielleicht noch nicht so ganz klar, dass italienische Männer gnadenlose Machos sind? Ist die Philosophie des „Nimm die Frau mit Gewalt, und sie wird Dir ewig dienen und glücklich sein“ wirklich die einzig richtige?

     

    Nach der gestrigen Sichtung des Films im Kino und anschliessenden Diskussionen weiß ich, dass ich nicht der einzige bin der mit diesen Fragen in die Nacht entlassen wurde. Beantwortet werden konnten sie allerdings nicht, gar zu seltsam ist dieser Film. Auf der einen Seite können wir zuschauen wie ein zynisches, rassistisches und bösartiges Oberarschloch nonstop Frauen beleidigt die ihm daraufhin rettungslos verfallen (mal etwas überspitzt ausgedrückt). Als nächstes sehen wir die Vervollkommnung der weißen Frau am Busen der Natur und in den Armen des schwarzen Mannes, zumindest bis wieder ein Weißer auftaucht. Und dann haben wir noch diese unglaublich schönen Technicolor-Bilder dieses einmaligen Südsee-Paradieses: Blauer Himmel, weißer Strand, durchsichtiges Meer, wunderschöne halbnackte Insulanerinnen, die sich dem weißen Mann bei jeder Gelegenheit anbieten … Nicht zu vergessen natürlich der Soundtrack von Piero Piccioni, der zwischen sehr drängender Perkussion mit Ukelele einerseits und süßlich-symphonischer Zuckerbäckerei anderseits einlullt und feinste Ferienstimmung verbreitet. Und mittendrin wird völlig ohne Zusammenhang mal eben eine Riesenschildkröte aufgeschnitten und ausgeweidet, nicht ganz so lang und schnittfrei wie bei Ruggero Deodato, aber immer noch ekelhaft genug. Was möchte uns der Regisseur damit sagen? Dass auch im Paradies die Bewohner was zu essen haben möchten außer Kokosnüssen und Fisch? Oder war das eine Allegorie auf die zunehmende Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Marita und Maní? Oder wie? Oder was?

     

    Nein, einfach macht es uns Ugo Liberatore nicht. Er verzichtet auf vollkommen überbewertete Dinge wie Handlung oder gar einen Spannungsbogen, und zeigt stattdessen lieber minutenlang Corrado Pani wie er durch Papeete fährt, immer auf der Suche nach seiner Frau. Die kurze „Beziehung“ zu der (zumindest in der deutschen Version) Schwedin Doris Kunstmann, die im Wesentlich aus grenzenloser Geilheit ihrerseits und ihrer ununterbrochenen Erniedrigung seinerseits besteht, gipfelt dann darin, dass er sie schlägt, sie auf dem Bett zusammensinkt und dabei in sich hineinlächelt. Was möchte uns der Regisseur nun damit sagen? Dass ihn blonde Frauen ankotzen (wie es Corrado Pani in dieser Szene zum Ausdruck bringt)?

     

    Das klingt jetzt alles so furchtbar negativ, und irgendwann während der Laufzeit sind mir auch wirklich mal die Füße eingeschlafen. Dass ich mir eine DVD-Veröffentlichung trotzdem kaufen würde hat mehrere Gründe. Zum einen sind die Bilder wirklich traumhaft – Inselphantasien eines gestressten Mitteleuropäers werden hier zur filmischen Wirklichkeit und verleiten zum sehr ernsthaften Träumen. Zum anderen ist das Schauspiel vor allem Corrado Panis absolut sehenswert. Wie er die langsame und allmähliche Wandlung vom überheblichen Arschloch zum halbwegs sozialen Mitmenschen meistert, das ist wirklich hervorragend. Seine Wandlung ist so unmerklich, so vorsichtig gespielt, dass sie von Grund auf realistisch ist. Kein plötzlicher Sinneswandel, sondern ein tröpfchenweises Einsickern der Südsee-Mentalität in die eigene verhärtete Psyche. Irgendwann, ganz langsam, beginnt Roberto nach polynesischer Zeit zu ticken. Ein wenig mehr Laissez-faire, etwas weniger italienischer Macho, aber wirklich nur in Nuancen! Die Frage, ob Roberto am Ende nur so getan hat als ob muss dann allerdings jeder für sich beantworten, ich persönlich behaupte mal dass die ganze Aktion mit seiner Insel kein fester Plan war sondern sich ergeben hat. Hat jemand andere Ideen?

     

    Was übrig bleibt ist, dass der Film gerade auf der großen Leinwand wirklich verzaubern kann, weil hier die Bilder am Intensivsten wirken und das Fehlen der Handlung überdeckt wird. Was noch übrig bleibt ist der Wunsch den Film noch mehrere Male sehen zu dürfen um die Feinheiten entdecken zu können, und den Film irgendwann vielleicht sogar zu verstehen. Was auf jeden Fall immer übrig bleiben wird ist die Frage, was uns der Regisseur sagen wollte … Mich jedenfalls hat er für 90 Minuten tatsächlich in eine andere Welt versetzt. Und ich freue mich in sehr hohem Maße, dass ich dieses Kleinod sehen durfte! Auch und gerade wegen dieser Vielschichtigkeit und Ambivalenz.

     

  • Autor: Maulwurf
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