Blutige Seide

Frankreich | Italien | Monaco, 1964

  • Originaltitel: 6 donne per l'assassino
  • Alternativtitel:

    Seis mujeres para el asesino (ESP)

    6 Femmes pour l'assassin (FRA)

    L'atelier de la peur (FRA)

    Seis Mulheres Para Um Assassino (POR)

    Blood and Black Lace (USA)

    Fashion House of Death

    Six Women for the Murderer

  • Deutsche Erstaufführung: 27. November 1964
  • Regisseur: Mario Bava
  • Kamera: Ubaldo Terzano, Mario Bava
  • Musik: Carlo Rustichelli
  • Drehbuch: Marcello Fondato, Giuseppe Barilla, Mario Bava
  • Inhalt:

    Vor der Modeagentur der Contessa Cristina Como (Eva Bartok) wird das Model Isabella (Francesca Ungaro) ermordet. Inspektor Silvestri (Thomas Reiner) befragt die Angestellten der Modeagentur, da zunächst kein Motiv für den Mord erkennbar ist. Dabei findet er jede Menge Verdächtige vor, etwa den Geschäftsführer Max Marian (Cameron Mitchell), den Designer Franco (oder Marco), den frauenfeindlichen Zeichner Cesare (Luciano Pigozzi) oder den Marquis Riccardo Morelli (Franco Ressel.)

     

    Doch solange das Motiv fehlt, scheint Inspektor Silvestri weiterhin ratlos, und das Morden hört nicht auf, da der maskierte Killer nun versucht, an Isabellas Tagebuch zu gelangen. Da die Morde sich nur auf die Models im Modehaus der Contessa konzentrieren, glaubt Silvestri zunächst an ein normales Motiv, doch als der Killer immer brutaler vorgeht, schließt er einen wahnsinnigen Sexualverbrecher nicht mehr aus. Er nimmt alle verdächtigen Männer über Nacht in Haft, doch genau während dieser Zeit wird ein weitere Model getötet.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    "Irrer Schlitzer meuchelt und mordet sich durch ein Modehaus, wobei ihm die zahlreichen Mannequins in die Hände fallen. Einer der vielen geschmacklosen Killerfilme Cameron Mitchells." (Lexikon des Horrorfilms)


    Geschickt von mir, meine kleine Amateur-Review zu diesem großartigen und mittlerweile vielbesprochenen Klassiker des Giallo mit obigem komplett unbedarft-ahnungslosen Zitat aus einem üblen Machwerk namens „Lexikon des Horrorfilms“ zu beginnen, denn schlechter kann auch ich es nicht machen. Denn ehrlich, ich fürchte mich vor dieser Review und insbesondere davor, diesem Film nicht gerecht zu werden.

     

    Beginnen wir am Anfang. Während des Vorspanns zu einem der besten Titelstücke, die Carlo Rustichelli je komponiert hat (wenn nicht gar eines der besten Italo-Main Themes jener Zeit überhaupt) schöpft Regisseur Mario Bava bereits aus dem Vollen. Künstliche Mannequins werden bei farbiger Beleuchtung mit ebenso erstarrt wirkenden Hauptdarstellern kombiniert. Dann folgt schon kurz darauf ein erster und für damalige Zeiten durchaus heftiger Mord durch einen maskierten Unbekannten. Die Gewalttätigkeit des Killers wird sich im Laufe des Films noch steigern, womit wir beim Thema Bodycount und den Edgar Wallace-Verfilmungen der Rialto wären. Während italienische Kritiker die filmische Entstehung des sogenannten Body Count auf Mario Bavas „Blutige Seide“ zurückführen, ist für uns deutsche Zuschauer der Einfluss der Edgar Wallace-Filme erkennbar. Natürlich gab es zuvor noch William Castle. Aber der Wallace-Einfluss ist wohl gegenseitig, denn umgekehrt diente Bavas Farbgebung wohl als Vorlage für Alfred Vohrers erste Wallace-Eastmancolorversuche. Qualitativ ist das natürlich, als würde man künstlerisch einen Michelangelo mit dem kompletten Schloss Neuschwanenstein vergleichen, stilistisch durchdachte Avantgarde gegen ein paar Dutzend an die Wand geschüttete Farbeimer. Bavas Stil in „Blutige Seide“ oder etwa „Die toten Augen des Dr. Dracula“ ist natürlich wiederum Vorbild für Argentos Suspiria, und in einer Einstellung mit einem der Models vor einem rundverzierten Spiegel kann man gar die Auflösung von Argentos „Profondo Rosso“ vorauserahnen.

     

    „Blutige Seide“ ist laut Vorspann eine italienisch-französisch-deutsche Co-Produktion, obwohl gleich unmittelbar darunter ein Rätsel aufgegeben wird, denn anstelle einer deutschen Firma findet sich die Eintagsfliege „Monachia Film“ (Sitz in Monaco), wobei das eine das andere nicht ausschließt, zieht man die Möglichkeit von Steuermauscheleien in Betracht. Egal, ich mag Gauner. Die Dreharbeiten fanden von November 1963 bis Januar 1964 komplett in Rom statt, unter anderem vor und in der Villa Sciarra. Filmhistorisch wird „Blutige Seide“ gelegentlich auch als Grundstein des Slashers gesehen, eine Einschätzung, die ohnehin an Bava geht, spätestens als er 1971 „Im Blutrausch des Satans“ (Reazione a catena) inszenierte, bei dem dies noch viel deutlicher wird. Außerhalb Italiens bescherte die Filmkritik diesem Werk schon zur Premiere ein paar gute Kritiken. So zeigt sich selbst der katholische Filmdienst ungewohnt versöhnlich mit dem Zitat „...sorgfältig ausgestattete und in der weiblichen Hauptrolle gut gespielte Kriminalunterhaltung im Moritatenstil.“ Und was diesen Film neben seinem handwerklichen Können und seiner spannend-gradlinig erzählten Thriller-Geschichte so unvergesslich macht, ist nicht zuletzt das erschütternde Ende. Herausragende Filme brauchen ein erschütterndes Ende.

     

    Lobende Erwähnung gebührt hier auch den Darstellern. Cameron Mitchell und Eva Bartok sind in Bestform, ebenso Luciano Pigozzi. Thomas Reiner verleiht der Figur des Inspektors eine kalte Professionalität. Probleme bereiten mir Marco und Franco, das liegt aber an meiner etwas schlüpfrigen Aufmerksamkeitsspanne. Wer nun drogenabhängig und wer nun Epileptiker ist, ich weiß es wirklich nicht. Oder ist das der Gleiche? Meine Schuld, ich war von den Models abgelenkt. Darstellerin Mary Arden, die die Peggy spielt, schrieb die Dialoge für die englische Fassung, denn trotz mehrerer englischsprachiger Darsteller wurde in Italienisch gedreht. Bava konnte kein Englisch. Leicht verpatzt ist leider ein wesentliches Element durch die deutsche Synchro: während Bava dem Zuschauer erst nach gut einer Stunde den Täter offenbart, geschieht dies durch die markante Stimme des Synchronsprechers (der Täter lockt eines der Models durch ein Telefonat in eine Falle) in der deutschen Fassung unbeabsichtigt deutlich früher.

     

    Ich könnte hier noch einen schönen Vergleich bezgl. Arrow Blu-ray versus X-Rated Blu-ray starten, habe aber keine Lust. Außerdem geschieht dies bereits ausführlich an anderen Stellen. Die Arrow hat eine deutlich bessere Farbqualität und besseres Bonusmaterial, die X-Rated ist wiederum eine andere Abtastung einer deutschen Kinokopie, und ich persönlich fände es furchtbar langweilig, wenn jeder Hersteller das gleiche Master verwenden, bzw. nur eine bereits vorhandene Abtastung aus dem Ausland einkaufen würde. Ich mag Beide, und das Bonusfeature eines alten Cameron Mitchell-Interviews auf der X-Rated war durchaus interessant. Beim Thema Bava gerät er extensiv ins Schwärmen, obwohl dies keineswegs Hauptthema dieser TV-Sendung war, ist also ehrlich gemeint und kommt von Herzen. Mitchell berichtet auch, dass er in insgesamt sechs Filmen mit Bava-Beteiligung gespielt hat, natürlich nur drei unter Bavas Regie. Die letzte Begegnung zwischen den Beiden fand lt. Mitchell 1965 am Set von Sergio Corbuccis „Minnesota Clay“ statt, für den Bava als Berater angereist war, wie so oft. Was die Frage aufwirft, wann „Eine Handvoll blanker Messer“ (veröffentlicht im Mai 1966) tatsächlich gedreht wurde, in dem Mitchell unter der Regie Bavas spielte.

     

    Obige Screenshots stammen von der Arrow Blu-ray.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Achtung: Der nachfolgende Text kann Spoiler beinhalten!

    „Wenn man in seinem Leben nur zehn italienische Filme des vergangenen Jahrhunderts gesehen haben muss, dann gehört BLUTIGE SEIDE in diese Selektion definitiv mit dazu!“

     

    Ganz genau! Abgedroschene Phrasen wie diese, welche einem vorgaukeln sollen, man hätte es mit einem ganz besonderen Film zu tun, könnten dennoch auf eine olle Krimi-Kamelle aus den Mid-Sixties zutreffen? Ich befürworte dies mit einem klaren JA, denn Signore Bava schafft in den zu verstreichenden 90 Minuten einen unwiderstehlichen Reigen aus Ästhetik, Suspense und Gewalt, lange bevor dieser Cocktail in derartiger Mixtur von anderen Filmschaffenden aufgegriffen wurde.

     

    Da ich mich im Edgar Wallace Universum viel zu wenig auskenne, um hier Bezüge zwischen Bava und der erfolgreichen Krimireihe aufzuzeigen, geschweige denn das übliche Loblied auf den vermeintlichen Genre-Prototypen der später aufkeimenden gelben Welle des italienischen Thrillers anzustimmen, möchte ich lieber auf ein paar Aspekte eingehen, welche mich Sichtung für Sichtung immer tiefer in den Strudel der Verzückung gleiten lassen.

     

    Eine der tragenden Säulen ist hierbei für mich der Soundtrack von Carlo Rustichelli, welcher neben seiner jazzigen Catchiness auch in ruhigeren oder ebenso bedrohlicheren Szenen immer präsent ist, sei es vordergründig, genauso wie im Unterbewusstsein jeweiliger Dialogszenen, wo winzige Streicher-Nuancen zum gegenwärtigen Unbehagen mit wabern. Erst recht bei der Omnipräsenz des drohenden Unheils, kann Rustichellis Gewand aus Pauken und Trompeten vollends auftrumpfen und mit akustischer Gewalt im Einklang zum Gezeigten beeindrucken. Zimperlich geht es in BLUTIGE SEIDE weiß Gott nicht zu, denn die Auftritte des Meuchlers sind präzise in Szene gesetzt worden, wobei die mangelnden Hemmungen in Bezug auf Folgeschäden der körperlichen Unversehrtheit seiner Opfer immer wieder im Vordergrund stehen. Mit dieser explosionsartigen Brachialität, welche sich meist gegen das weibliche Geschlecht richtet, wird eine derartig realitätsnahe Intensität erzeugt, die einen selten kalt lassen dürfte, zumal die buchstäbliche Schönheit – wir erinnern uns, die Rahmenhandlung wurde in der Modebranche untergebracht – in manchen Segmenten gnadenlos deformiert wird.

     

    Ein anderer wichtiger Bestandteil für die Funktionalität des Gezeigten ist hier die Figurenkonstellation, denn konträr zum eher warm-gehaltenen Stil der Bildgebung, werden die Akteure zunehmend kühler porträtiert, denn für Gewissen und Mitleidigkeiten ist im Fashion Business selten Platz und so wird ein Verdächtiger nach dem nächsten vorgeschoben, um den Betrachter mit genügend Raffinesse auf falsche Fährten zu locken. Den geschicktesten Kniff serviert uns Bava allerdings nach Hälfte der Spielzeit, indem er dem aufmerksamen Zuschauer mit vollster Absicht ein wichtiges Indiz kredenzt, um den wirklichen Übeltäter zu entlarven. Ist man doch von späteren Genrevertretern eher daran gewöhnt, kurz vor Schluss den Unhold mit einer phantastischen Auflösung zu demaskieren, so wird der Zuschauer schon weit vor dem letzten Akt in einen perfiden Plan eingeweiht und weiß somit mehr als die zuständigen Ermittler, welche die meiste Zeit im Dunkeln tappen müssen. Mit diesem Hitchcock-artigen Einwurf, hebt sich BLUTIGE SEIDE umso mehr von gewissen späteren Nachfolgern ab, in denen meist psychologische Triebexzesse noch vor etwaigen wirtschaftlichen Interessen als Rechtfertigungsgrund für das Auslöschen menschlichen Lebens dienten.

     

    Abschließend sei auf jeden Fall noch die illustre Schar von Schauspielern erwähnt, welche wie verschiedene Zahnräder perfekt ineinander greifen, um die Maschine anzutreiben und am Laufen zu halten. Egal ob Bartok, Mitchell, Ressel, Pigozzi, Reiner oder das restliche Ensemble – es wäre in der Tat purer Frevel da jetzt einen speziellen Lichtblick heraus zu picken, denn jeder spielt seinen Part mehr als souverän und trägt somit dazu bei, eine authentische Stimmung zu erzeugen und sich im Gusto des Betrachters zu etablieren. Hinzu kommen noch die kleinen technischen Spielereien, mit denen Bava gekonnt Stimmungen transportiert, wie simuliert und welche in Technicolor einfach betörend für die Sehorgane anmuten. Erst recht in Verbindung mit den räumlichen Perspektiven, die in exquisiten Einstellungen und Kameraschwenks eingefangen werden, entfalten die gekünstelten Lichteinflüsse eine bedrohliche Wirkung, nachdem man sich fast von ihnen einlullen lässt, aber mit sofortiger Wirkung mit der Stirn auf die eiskalte Realität prallt, wenn der fiese Vermummte blitzschnell durch seine Präsenz das kommende Verderben ankündigt, seine Opfer mit Schlägen traktiert oder sie per verschiedener Utensilien foltert und grausam ins Jenseits befördert.

     

    Ich kann mich dabei noch sehr gut an meine Erstsichtung vor knapp 15 Jahren erinnern, einer Zeit, in der digitales Giallo-Futter noch äußerst sparsam in die Haushalte der Filmliebhaber gestreut wurde und man viel mehr auf analoges Material zurückgreifen musste, um der manischen Sucht nach neuen Entdeckungen wenigstens etwas Einhalt gebieten zu können. Tatsächlich schlug er nicht nur in mein Geschmacksempfinden massiv ein, sondern infizierte ebenso meine damaligen Vagabunden mit dem italienischen Thriller-Virus vergangener Tage, auch wenn BLUTIGE SEIDE bei vielen Genrebefürwortern heute noch ganz oben im Ranking mitspielt. Verwundern tut mich das keinesfalls, denn man kann sich auch über ein halbes Jahrhundert später – bei jeder erneuten Sichtung – dieser immer wiederkehrenden Vibration, die zwischen Faszination und ungesitteter Obsession pendelt, wohl wissend das dieser Film für damalige Sehgewohnheiten wie einem Stromstoß gleichkommen vermag, schwer entziehen.

  • Autor: Tobias Reitmann
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