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Bewaffnet und gefährlich

Italien, 1976

  • Originaltitel: Liberi armati pericolosi
  • Alternativtitel:

    Juventud armada y peligrosa (ESP)

    Jeunes, désespérés, violents (FRA)

    Les féroces (FRA)

    Young, Violent, Dangerous (USA)

    Young, Violent, and Desperate

    Dirty Devils

  • Regisseur: Romolo Guerrieri
  • Kamera: Erico Menczer
  • Musik: Enrico Pieranunzi, Gianfranco Plenizio
  • Drehbuch: Fernando Di Leo, Nico Ducci
  • Inhalt:

    Blondie, Joe und Luis sind drei nette und sympathische Jungs aus den etwas besseren Kreisen Mailands. Jung, gutaussehend und nicht gerade arm gehört ihnen die Welt. An einem schönen Frühlingstag nehmen sie ihre Waffen, klauen ein Auto und überfallen eine Tankstelle. Da die Polizei bereits informiert ist wartet sie auf die Jungs – und ein entsetzliches Blutbad ist das Ergebnis. Danach sind die Freunde gutgelaunt auf der Flucht. Richtiger: Nach einem anschließenden Banküberfall werden zuerst einmal Schnellfeuerwaffen besorgt und es wird ein Supermarkt ausgeraubt. Aber etwa ab diesem Zeitpunkt geht einiges schief: Die Typen, bei denen gefälschte Pässe besorgt werden sollen, machen einen Rückzieher, Luis’ Freundin Lea ist wider Willen mit im Boot, die Polizei rückt immer näher, und die Waffen sitzen immer lockerer. Eine Spur der Gewalt zieht sich durch Mailand und Umgebung …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Und dabei sehen sie so nett und sympathisch aus wenn sie sich auf der Piazza del Duomo treffen. Joe spielt Himmel und Hölle, wenn Luis dazu kommt ist die Begrüßung ausgesprochen herzlich, und Blondie, der das mit ansieht, freut sich aufrichtig über seine beiden Freunde. Dass das Auto, in das die Drei sich setzen geklaut ist? Geschenkt. Gemeinsam fahren sie zu einer Tankstelle, um mit Spielzeugpistolen einen Überfall zu machen. So zumindest hat es Lea dem Kommissar erzählt, und der hat daraufhin den Tankwart instruiert und seine Leute in Stellung gebracht. Ein paar reiche Jungs die Krimi spielen wollen, eigentlich nichts Ernsthaftes Aber der Schock, als aus den vermeintlichen Spielzeugpistolen echte Kugeln kommen, und in einer Gewalteruption innerhalb von Sekunden 4 tote Männer am Boden liegen, dieser Schock hallt nach. Auch beim Zuschauer.

     

    Wie ein Echo, das vor und zurück rollt, wird der Schock dabei immer wieder verstärkt, verliert an Intensität und nimmt wieder zu. Wenn ich jetzt schreiben würde, was allein bei dem Überfall auf den Supermarkt alles passiert, würde ich zu viel spoilern, aber dass mir der Mund einige Zeit offen gestanden hat, das gebe ich gerne zu. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Joe längst als Psychopath entpuppt, der seine Bildung aus dem Kino bezogen hat und zu jeder Situation den passenden Film nennen kann: „Das ist ja wie bei FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR!“, und sein wahnsinniges Gelächter würde jedem Halbirren auf der Welt gut zu Gesicht stehen. Lea wird dazu geholt, es wird munter weiter gemordet, und schnell zeigt sich, das Blondie hochintelligent ist und genau weiß wie er sein Umfeld manipulieren kann. Luis hat bereits nach den ersten Schüssen die Lust verloren, aber schnelle Verfolgungsjagden, das kann er, und das liebt er auch. Also sorgt Blondie für die entsprechenden Anreize, damit einerseits Luis nicht die Lust verliert und andererseits Joe psychisch noch halbwegs an Bord bleibt. Und in Summe entsteht daraus eine blutgetränkte Flucht quer durch den Großraum Mailand, mit jeder Menge Toter und einer hilflos hinterher rennenden Polizei. Oder wie Joe sagen würde: La polizia ha le mani legate … Hihihiaar!!

     

    Diese Flucht ist ein Alptraum, und ich würde BEWAFFNET UND GEFÄHRLICH jederzeit in das Genre des Terrorkinos stecken, so druckvoll kommt die Handlung daher. Jeder der der Gruppe begegnet ist ein potentielles Opfer, und als der Hubschrauber über dem Versteck kreist scheut Blondie auch nicht davor zurück Lea und Luis erbarmungslos zu erniedrigen. Dieser Alptraum gelingt besonders sowohl durch die ruhigen Momente, welche die Gewaltausbrüche erst so richtig monströs gestalten, wie auch durch die unglaublichen Darsteller: Luis (Max Delys) ist der ruhigste der Freunde, der letzten Endes eigentlich nur mit seiner Lea zusammen sein und ansonsten seine Ruhe haben möchte. Die Situation überfordert ihn von Beginn an, aber er liebt Blondie und würde alles für ihn tun. Blondie wiederum (Stefano Patrizi) ist der intelligenteste der Drei. Er weiß einerseits genau wie man Menschen manipulieren kann und setzt dieses Wissen auch rücksichtslos ein, andererseits ist er aber auch nicht bereit sich etwas sagen zu lassen. Er ist der geborene Offizier, der so sensibel ist dass er Menschen sofort durchschaut und benutzt, und gleichzeitig nicht bereit ist auch nur einen Jota zurückzuweichen. Blondie zu widersprechen bedeutet das eigene Todesurteil zu unterzeichnen. Die Mischung aus Macht und der eigenen Unantastbarkeit ist für ihn besser als Sex auf Drogen. Der dritte ist Joe (Benjamin Lev), der wie ein junger Jack Russell eigentlich nur spielen möchte, und in seinem Spieltrieb alles zerfetzt dessen er habhaft wird. Außer Blondie nimmt er nichts ernst, lacht über alles, träumt von den Realitäten die ihm die Werbung vorgaukelt und sieht sich selbst als eine Mischung aus Robin Hood und Kommissar Ferro. Und er benimmt sich auch so, etwa wenn die gute Tat des Tages dran ist und das geraubte Geld auf einem Straßenmarkt aus dem Auto heraus an die Armen verteilt wird, woran er einen Heidenspaß hat. Ein Clown mit der Attitüde von Rob Roy und dem Benehmen von Tony Montana …

     

    Dagegen muss ihr Gegenstück, der Kommissar, etwas zurückstehen. Tomas Milian gibt gewohnt souverän die Darstellung eines überforderten und hilflosen Polizisten, aber gegen die grandiosen Hauptdarsteller kommt er vermeintlich kaum an. Vermeintlich! Erst gegen Ende sieht man ihm an wie er unter dem Druck langsam aber sicher zerbricht, wie sehr die Menschenjagd ihn anwidert. Er darf nicht aufgeben und muss weitermachen, aber Ekel und Verzweiflung sind in seinem Gesicht deutlich zu sehen. In seiner Anonymität (der Kommissar hat im Film keinen Namen) und seiner grauen und einheitlich wirkenden Rolle repräsentiert er perfekt diejenige Gesellschaft, die Blondie, Joe und Luis so zum Kotzen finden, und aus der sie ausbrechen möchten. Der Kommissar weiß das, vielleicht hat er sogar ein wenig Verständnis für die Jungs, aber sein Job und die Umstände befehlen ihm eine erbarmungslose Jagd. Die Standpauke, die er den Vätern hält, würde er wahrscheinlich lieber den Söhnen halten. Mit wohl welchem Ergebnis? Die Einsicht in das Scheitern libertärer Erziehungsträume ist in der letzten Einstellung des Films zu sehen, aber ein schöner Anblick ist das nicht …

     

    Um das ernste Thema wieder ein wenig aufzulockern: Weiter erwähnenswert ist auch die (obligatorische) Verfolgungsjagd durch die Carabinieri, welche ausgesprochen stark geraten ist: Der Polizist beherrscht seinen Job sehr wohl, und es gibt eine Menge wahnwitziger Fahrmanöver zu bestaunen, bei denen Luis und auch der Zuschauer jede Menge Spaß haben. Und Peter Berling ist als Schweizer Camper namens Obrawalde unterwegs (und spricht in der Originalfassung entsprechend auch schweizerisch gefärbtes Deutsch). Im Bild ist allerdings ganz klar Berlings echter Pass zu sehen - Mit dem Eintrag seines Geburtsortes Meseritz-Obrawalde! Kleine Highlights, die keineswegs den Druck herausnehmen, aber der bis dahin reichlich angespannten Gesichtsmuskulatur mal ein wenig Entspannung gönnen.

     

    Insgesamt also eine blutgetränkte Tour de Force durch die Abgründe der menschlichen Seele, die durch eine weitere Komponente nochmals gesteigert wird, nämlich durch die Musik von Enrico Pieranunzi und Gianfranco Plenizio. Ähnlich wie in NACKT UND ZERFLEISCHT, wo das Grauen im Urwald durch die heitere Urlaubsmusik von Riz Ortolani erst so richtig zur Geltung kommt, ist auch die musikalische Untermalung in BEWAFFNET UND GEFÄHRLICH harmlos-plätschernd. Das Titellied ist ein nettes und unschuldiges Popliedchen, und jeglicher musikalischer Einsatz würde eher zu einem sonnigen Osterspaziergang passen – Was das Blutbad auf eindrucksvolle Weise konterkariert. Bang bang, I shot my baby down …

     

    Möglicherweise ist diese Kombination auch ein Grund für die lange Indizierung des Films in Deutschland. Hier wird ganz klar aus Spaß an der Freud’ getötet, und die Charaktere vermitteln diesen Spaß teilweise auch recht unverblümt. Ganz ehrlich, harmlos ist der Film nicht, und die Bilder fräsen sich mit der Durchschlagskraft von Pistolenkugeln in die Gehirnwindungen. Interessanterweise sind aber die Schnitte der deutschen VHS-Version ausschließlich Handlungsschnitte, dem Zuschauer geht durch diese Straffung nicht ein Quentchen Information verloren, und die Gewalt ist komplett enthalten. Nun ja, man muss nicht alles verstehen …

     

    Alles in allem ein absolut herausragendes Exemplar der Gattung Poliziottescho, mit deutlichen Anleihen beim Terrorkino, sehr beeindruckenden Darstellern und grandios inszenierten Actionsequenzen. BEWAFFNET UND GEFÄHRLICH hat es durch die Kombination aus Stimmung, Bildern und Schauspielern aus dem Stand heraus in die Liste meiner Lieblingsfilme geschafft. Gleich auf den Platz neben NATURAL BORN KILLERS …

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Auf deutsch ist der Film bislang nur als um etwa 4 Minuten geschnittene VHS erschienen. Gesehen wurde die amerikanische Ausgabe der italienischen DVD von Raro USA, die neben einem ordentlichen Bild englischen und italienischen Ton mit englischen Untertiteln anbietet. Als Extras gibt es leider nur Filmographie, Biographie von und ein Interview mit Regisseur Romolo Guerrieri. Das auf der Hülle sowie im Extras-Menü angegebene PDF-Booklet ist bedauernswerterweise nicht enthalten.

  • Autor: Maulwurf
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