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El bandido Malpelo

Italien | Spanien, 1971

  • Alternativtitel:

    Il lungo giorno della violenza (ITA)

  • Regisseur: Giuseppe Maria Scotese
  • Kamera: Gian Paolo Santini
  • Musik: Marcello Giombini
  • Drehbuch: Eduardo Manzanos Brochero, Giuseppe Maria Scotese, Marco Vecchio
  • Inhalt:

    Wir schreiben das Jahr 1914. In Mexiko ist die Revolution noch voll im Gange. In Mitten dieses gewalttätigen Aufstandes bekommt der junge Diego Medina, Neffe eines respektablen Offiziers, einen entscheidenden Auftrag. Er soll eine äußerst wichtige Geheimbotschaft zu dem Revolutionsführer Pancho Villa bringen, der sich im mexikanischen Hinterland befindet. Um zu dessen Versteck zu gelangen behilft er sich der Unterstützung des berüchtigten Banditen Malpelo, der sich im Gegenzug eine fette Belohnung erhofft.

  • Autor: nerofranco
  • Review:

    Es ist immer wieder eine helle Freude wenn man einen ziemlich unbekannten Film vor die Augen bekommt und wenn sich der dann auch noch als dermaßen gelungen herausstellt, ist die Begeisterung umso größer. Zu diesen äußerst positiven Überraschungen zählt dieser kleine Revolutionswestern El bandito Malpelo, der die Geschichte eines berüchtigten Banditen erzählt, der sich zum Revolutionär mausert. Für Regisseur Giuseppe Maria Scotese, der sich hauptsächlich mit Dokumentationen einen Namen machte, war dieser Film bedauerlicherweise der einzige Beitrag zum Genre. Am geläufigsten sind vielleicht noch seine Historienschinken Il corsaro della mezzaluna (Der Korsar vom roten Halbmond) mit John Derek und Gianna Maria Canale, und La notte del grande assalto (Die Rache der Borgias) mit Fausto Tozzi und Giacomo Rossi-Stuart sowie ein Film über die Droge LSD Acid - delirio dei sensi (LSD - Paradies für 5 Dollar).

     

    El bandito Malpelo erzählt die Geschichte zweier völlig unterschiedlicher Charaktere. Zum einen gibt es einen jungen intellektuellen Offiziersneffen namens Diego Medina und zum anderen den ruchlosen und brutalen Banditen Juan Cisneros genannt Malpelo, der mit seinem Gefolge im mexikanischen Hinterland Unterschlupf gefunden hat. Medina hat den Auftrag bekommen dem Revolutionsführer Pancho Villa eine wichtige Nachricht zu übermitteln, die für den Ausgang der Revolution von großer Bedeutung ist. Um zu Villa durchzukommen muss er sich allerdings mit den gefährlichen Regierungstruppen unter der Leitung von Inspektor Orozco herumschlagen was, wie man sich denken kann, natürlich nicht allzu einfach ist. Deshalb braucht er Hilfe und die holt er sich beim Banditen Malpelo, dem er einen Haufen Kies als Belohnung verspricht wenn er ihm Hilft. Außerdem soll er den Rang eines Colonels innerhalb der Revolutionstruppen erhalten. Malpelo hat mit der Revolution allerdings nicht allzu viel am Hut (Revolutionär, ich? Ha, ha, ha.), er ist mehr ein einfacher und brutaler Banditenchef, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. In späterer Folge rechtfertig er seine Taten damit, dass sich viele Lebewesen nur durch Mord und sonstige Brutalitäten ihre Existenz sichern können. Für Medinas Ideologien hat er wenig übrig, aber dafür jede Menge für Geld, was zunächst der einzige Grund ist warum er dem eleganten Schnösel hilft. Erst im Laufe der Geschichte wandelt sich seine Einstellung zur Revolution.

     

    Gespielt wird Malpelo vom großartigen Eduardo Fajardo, der hier endlich mal eine Hauptrolle inne hat und einen durchaus positiven Charakter verkörpern darf. Malpelo ist mit Abstand der interessanteste und vielschichtigste Charakter des Films. Aufgrund von schwierigen Lebensverhältnissen und großer Not ist Malpelo gemeinsam mit seinen Weggefährten zu Banditen geworden, die sich im mexikanischen Hinterland verstecken. Abgesehen haben sie es vor allem auf die zahlreichen Großgrundbesitzer, die die kleinen Bauern und Arbeiter ausbeuten und so für deren miserablen Lebensumstände verantwortlich sind. Dabei schreckt Malpelo auch vor kaltblütigem Mord nicht zurück, wie er bei Don Vicente de Trujillo eindrucksvoll unter Beweis stellt. Allerdings sieht er seine Taten als gerechtfertigt an, denn sie holen sich nur zurück was ihnen einst weggenommen wurde und dabei müssen die Täter natürlich bestraft werden. Malpelo sieht sich dabei als Richter und Geschworener gleichzeitig und verurteilt auch dementsprechend (Das Gesetz bin ich und ich bin der Einzige, der das Gesetz ausüben darf. Ich bin der Einzige). Irgendwelche Ideale sind ihm fremd und um Pancho Villa und seine Revolution kümmert er sich einen Dreck. Das einzige was ihn anfangs dazu motiviert Medina zu helfen ist einzig allein seine Gier nach Geld. Zunächst geht es ihm nur darum seiner Armut zu entfliehen und sich zu bereichern. Erst im Laufe der Geschichte fängt es in Malpelos Kopf an zu arbeiten, als er die Not und das Elend der einfachen Bevölkerung direkt vor seinen Augen sieht und die furchtbaren Verbrechen, die von den Regierungstruppen begangen werden. Ein echtes Bekenntnis zur Revolution kommt aber erst im Angesicht des Todes (Die Revolution wird triumphieren. Ihr könnt mich hinrichten wenn ihr wollt, denn ich bin nun nicht länger ein Bandit. Ich bin ein Revolutionär. Viva la Revolution).

     

    Malpelo steht hier ganz in der Tradition von diversen weiteren Revolutionären die im Italowestern verkörpert werden. Der Hauptprotagonist ist meist ein kleiner Bauer oder Arbeiter, der durch die schwierigen Umstände zum kleinen Dieb oder Verbrecher wird. In Sergio Leones Giù la testa (Todesmelodie) überfällt der verarmte Bauer Juan, der sich mit seiner ganzen Familie, die sehr groß ist, als Kleinkrimineller durchs Leben boxt, die Bank von Mesa Verde und hofft dabei auf den großen Reibach. In der stark bewachten Bank lässt sich allerdings keinerlei Geld finden, dafür eine beträchtliche Anzahl politischer Häftlinge. Als er sie gezwungenermaßen befreien muss um weiterhin nach dem Geld suchen zu können, wird er unfreiwilligerweise zum Helden und von den Befreiten gefeiert als wäre er Pancho Villa höchstpersönlich (John: Ah, yes. You’re a grand hero of the revolution now. Viva, Meranda. – Juan: I don’t want to be a hero. All I want is the money!). Von der Revolution hält er weiterhin nicht allzu viel bis seine ganze Familie geradezu abgeschlachtet wird. Erst jetzt beginnt er zu grübeln. Dem ausgebeuteten Mienenarbeit Paco geht es in Sergio Corbuccis Il Mercenario anfangs ebenfalls nur darum sich zu bereichern, entwickelt sich dann im Laufe der Geschichte aber mehr und mehr zum Revolutionär und lässt sich für die Sache der Entrechteten begeistern. Dabei gibt es wohl die herrlichste Erklärung dafür was man unter einer Revolution zu verstehen hat als Paco ausgerechnet den polnischen Söldner Kowalski darüber ausfragt.

     

    In einem weiteren Film von Corbucci, Che c’entriamo noi con la rivoluzione? (Bete, Amigo), ergeht es dem Schauspieler Guido Guidi ähnlich wie Paco. Anfänglich völlig ideologiefrei begreift der von sich selbst überzeugte Schauspieler, dass es in der Welt auch noch andere Werte und Eigenschaften gibt als Egoismus. Am wunderbaren Ende wird er von Colonel Herrero sogar gezwungen als der berühmte Revolutionär Emiliano Zapata höchstpersönlich aufzutreten um den Menschen vorzugaukeln er würde sich ergeben und der Revolution entsagen. Herrero hat aber nicht mit dem Meinungsumschwung des ansonsten so selbstverliebten Schauspielers gerechnet (Es hat lange gedauert aber ich habe meine Lektion gut gelernt. Es gehört sehr viel Mut dazu sich einer Revolution anzuschließen. Aber wenn man die Lüge zertreten will, dann bleibt einem nichts anderes übrig, dann muss man sich auflehnen gegen Bastarde wie Herrero und seine Kumpane). Gewiss aber muss er, wie Malpelo, für seine neue Überzeugung teuer bezahlen. In Mario Camus La collera del vento (Der Teufel kennt kein Halleluja) wird der Profikiller Marco von den Großgrundbesitzern engagiert um einen Anarchisten zu ermorden, der mit seinen sozialistischen Reden den Bauern Flausen in die Köpfe setzt. Marco führt den Auftrag auch ohne zu zögern aus schwenkt danach aber zu den unterdrückten Bauern um. Allerdings ist seine Intention mehr die, das er der schönen Cantinenbesitzerin Soledad verfallen ist, als die Unterdrückten zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Figur, der Malpelo am nächsten kommt, ist mit Sicherheit die des Chuncho aus Damiano Damianis Quién sabe? (Töte, Amigo), die eine fast identische Vita aufzuweisen hat. Vielleicht hat man sich hier auch ein wenig von Damianis Klassiker inspirieren lassen. Der Amerikaner Bill Tate, genannt El Nino, schleicht sich als vermeintlicher Waffenhändler in die Bande von El Chuncho ein. Er macht dem Banditenchef vor dem General Elias Waffen zu verkaufen. In Wahrheit hat er aber einen ganz anderen Auftrag. Chuncho, anfänglich von der Revolution nicht wirklich angetan, entwickelt sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr zum Revolutionär.

     

    Auch die Figurenkonstellation ist ähnlich wie bei seinen Genreverwandten. Dem mexikanischen Bandit/Revoluzzer steht ein Intelektueller/Student/ aus gutem Hause gegenüber, der sich der Revolution verschrieben hat oder beispielsweise im Fall von Il Mercenario ein europäischer Söldner ist. Malpelos jungen Weggefährten spielt der nicht nur mir vollkommen unbekannte George Carvell, über den glaub ich überhaupt nichts bekannt zu sein scheint. Umso bekannter ist dafür die hübsche Charo Lopez, die später unter anderem in Filmen von Pedro Almodovar und Mario Camus landete. Außerdem gewann sie diverse spanische Filmpreise, 1997 sogar den begehrten Goya als beste Nebendarstellerin in Montxo Armendáriz Secretos del corazón. Ansonsten finden sich leider keine vertrauten Gesichter was dem Film so aber mehr Authentizität verleiht.

     

    Als äußerst interessanten Aspekt des Films empfand ich auch den Umgang der Regierung mit den Banditen. Man lässt die Banditen gewähren solange man sie für ihre Zwecke einspannen und sie mit Kopfgeldern dazu überreden kann ihnen unliebsame Personen loszuwerden. Sobald sie in dieser Hinsicht nicht mehr nützlich oder brauchbar sind löscht man sie einfach aus. So wollte man Malpelo einspannen um Medina zu fangen, der sich dann aber aus diversen Gründen doch anders entscheidet. Als dem Militär das bewusst wird lösen sie Malpelos Versteck in den Bergen auf brutalste Weise einfach auf.

     

    Die Regie von Scotese ist recht ansprechend aber durchaus zurückhaltend ausgefallen darüber hinaus aber mit einigen tollen, künstlerischen Szenen versehen. Zum großen Teil besticht der Film durch reduzierte und geradezu kahle Bilder. Man sieht dem Film auch an, dass Scotese hauptsächlich im Dokumentarfilm zu Hause ist. Die Kamera ist sehr beweglich und wackelt ziemlich in der Gegend herum und bleibt nur sehr selten statisch. Diese Tatsache verleiht dem Film aber eine besondere Atmosphäre, die teilweise tatsächlich Dokumentarfilmcharakter erhält. Die Sets sind ebenfalls sehr spartanisch. Ein Großteil der Geschichte spielt in der Wüste, die mit einigen wunderbaren Aufnahmen eingefangen wurde. El bandito Malpelo beginnt mit einer mehr als sehenswerten Szene, in der einige Aufständische hingerichtet werden. Abwechselnd in Normaltempo und in Zeitlupe werden sie niedergeschossen während hinter ihnen der Schriftzug Que viva Mexico erscheint. Der Vorspann ist mit einem schönen männlichen Totenchor unterlegt, der immer wieder von Schüssen unterbrochen wird. Die Szene ist nahezu identische mit der Eröffnungsszene aus Quien Sabe? Der Höhepunkt des Films ist mit Sicherheit das famose Ende, das nicht nur erstklassig in Szene gesetzt wurde sondern auch niederschmetternd und gleichzeitig grotesk daherkommt. Nachdem Malpelo von den Regierungstruppen hingerichtet wurde gelangt der völlig erschöpfte Medina enthusiastisch an einen Kontrollpunkt der Revolutionäre rund um Pancho Villa. Als der Wachmann Medina entdeckt fragt der seinen Kommandanten: Da kommt jemand. – Kennst du ihn? – Nein. – Dann erschieß ihn. Gesagt, getan.

     

    Die Dialoge sind ebenfalls äußerst interessant. Es gibt viele Dialoge und Diskussionen über die Revolution und den Sinn der Revolution sowie über die Motive der beiden Hauptcharaktere. Es scheint doch etwas mehr in die Tiefe zu gehen als bei seinen Genreverwandten. Hervorzuheben ist noch der erstklassige Soundtrack von Marcello Giombini. Neben einem wirklich tollen Trompetenstück hat die Musik auch noch ein paar weiter nette Stücke zu bieten.

     

    El bandito Malpelo stellt für mich wieder einmal eine positive Überraschung dar. Wir haben es hier mit einem ausgezeichneten kleinen Revolutionswestern zu tun, der über eine sehr gute und interessante Geschichte, guten Darstellern, einem ausgezeichneten Soundtrack und ein paar sehr schönen Ideen verfügt. Sehenswert ist der Film aber vor allem wegen einem hervorragenden Eduardo Fajardo in der Titelrolle. Außerdem beweist der Film, dass man auch mit äußerst geringen finanziellen Mitteln einen außergewöhnlichen Western abliefern kann, der zudem noch optisch einiges hermacht. Wer also noch auf der Suche nach unentdeckten Perlen ist sollte sich El bandito Malpelo unbedingt besorgen. Ein Film, der es auf alle Fälle verdient hätte wiederentdeckt, oder vielleicht besser gesagt überhaupt einmal, zu werden.

  • Autor: nerofranco
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