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Autopsie - Hospital der lebenden Leichen

Italien, 1975

  • Originaltitel: Macchie solari
  • Alternativtitel:

    Tensión (ESP)

    Frissons d'horreur (FRA)

    The Magician (GBR)

    Corpse (USA)

    The Victim (USA)

    Sun Spots

    Tarot

    Autopsy

  • Regisseur: Armando Crispino
  • Kamera: Carlo Carlini
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Lucio Battistrada, Armando Crispino
  • Inhalt:

    Der Sommer ist unerträglich heiß und Rom wird von einer mysteriösen Selbstmordserie heimgesucht. Die Leichen landen auf dem Seziertisch der jungen Pathologin Simona, die selbst alles andere als psychisch stabil zu sein scheint. Die nächste Lieferung: Eine rothaarige Frau, die sich offenbar eine Kugel durch die Kehle gejagt hat. Der Bruder der Toten, ein Priester mit dunkler Vergangenheit, glaubt jedoch nicht an Suizid. Er denkt an Mord. Und die Spuren scheinen zu Simona und ihrem direkten Umfeld zu führen...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    Zehn Notizen zu Crispinos MACCHIE SOLARI

     

    I

     

    Eruptionen erschüttern die Sonne. Eine unerklärliche Selbstmordwelle erschüttert die Ewige Stadt Rom. Und Eruptionen erschüttern auch das Seelenleben der Assistenzärztin Simona, die in der Pathologie arbeitet. Simona hat so einige Probleme: Halluzinationen; Alptraumbilder ihrer toten Kundschaft; Leichen, die sich von ihren Bahren erheben und Liebe machen. Apropos Liebe machen. Wenn ihr Lover, der freischaffende Fotograf und Sunnyboy Riccardo, ihr körperlich nahe kommen möchte, verkrampft Simona. Hat sie am Ende ihren braungebrannten, schwerenöterischen Daddy, den Lebemann Gianni etwas zu sehr lieb? Warum reagiert sie mit rasender Eifersucht auf seine Freundinnen? Mehr Eruptionen, ein weiterer mysteriöser Selbstmord. Diesmal ist es die junge, rothaarige Betty. Ausgerechnet das Mädchen, das Daddy in naher Zukunft heiraten wollte...

     

    II

     

    Doch war es wirklich Selbstmord? Bettys Bruder - ein Priester, der selbst schwere Schuld auf sich geladen hat - vermutet Mord. Und fühlt Simona und deren Umfeld gehörig auf den Zahn. Weitere Abgründe tun sich auf, bereit noch mehr Menschen zu verschlingen...

     

    III

     

    Barry Primus spielt den mysteriösen, undurchsichtigen Priester. Mädchenschwarm Ray Lovelock, frisch der INVASION DER ZOMBIES entronnen (oder eben nicht entronnen), gibt den blonden Boyfriend. Und definitiv keine war prädestinierter für die Rolle der Simona als die Amerikanerin Mimsy Farmer. In italienischen Giallo-Gefilden immer dann erste Wahl, wenn man eine schöne, zerbrechliche Frau mit labiler Psyche benötigte. Schau nach in Argentos VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT oder Barillis großartig eleganten wie nachtmahrerischen PARFÜM DER DAME IN SCHWARZ.

     

    IV

     

    Beunruhigend. Atonal. Konfus. Beklemmend. Keiner Melodie folgenden, wie Ameisen krabbelnde Bassläufe in einer sparsam instrumentierten Kakophonie weiblicher Seufzer, Stöhnen und Wehklagen. Losgelöst vom Film gehört, dürfte Ennio Morricones über die Schmerzgrenze experimentieller Score eher enervierend auf die Gehörgänge wirken. Zu den Bildern von MACCHIE SOLARI passt er indes perfekt. Simonas intonierte innere Zerrissenheit. Ein Chor gemarteter Seelen. Oder ist es gar das Chaos im Gehirn eines Mörders, welches wir hier hören? Lange Zeit bleibt der Score disharmonisch; paradoxerweise gegen Ende, als die Geschehnisse ihrem mörderischen Höhepunkt entgegenstreben, packt Morricone dann die großen, melancholischen Melodien aus. Zum Träumen empfiehlt sich MACCHIE SOLARI’s wunderschönes Titoli.

     

    V

     

    MACCHIE SOLARI ist Armando Crispinos zweiter Giallo nach DAS GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES, in unseren heiligen Hallen bereits besprochen von Prisma.
    In den USA erschien er unter dem Titel AUTOPSY und in Deutschland erlaubten sich die Jungs von X-Rated den irreführenden Titelzusatz „Hospital der lebenden Leichen“; was einen Zombiefilm suggeriert, der Crispinos Schwanengesang (MACCHIE SOLARI war bedauerlicherweise seine letzte Arbeit) natürlich nicht ist. Vage mit dem Übernatürlichen kokettiert der Film höchstens in seinen ersten zehn Minuten, bevor sich die Handlung schlussendlich in höchstirdische Thriller-Gefilde verlegt.

     

    VI

     

    Wenn man sich die Bewertungen und Kommentare in den einschlägigen Filmforen und Datenbänken anschaut, stellt man fest, dass der im Jahr 1975 entstandene MACCHIE SOLARI überraschend wenig gute Freunde im Fandom besitzt. Nur wenige sehen ihn als Geheimtipp; sehr viel mehr als äußerst mittelmäßig. „Langweilig“, „schleppend“ sei er. Man vermisst die schwarzen Handschuhe und Rasiermesser. Und die im Akkord zerschnittenen Kehlen angstwimmernder, halbnackter Frauen.

     

    VII

     

    Viel konsequenter als beim GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES löst sich Crispino in seinem zweiten Giallo von gängigen Genrekonventionen. Tatsächlich verzichtet er gänzlich auf allseits gefeierte Trademarks wie eben die schwarzen Handschuhe, die Rasiermesser, die Schaufensterpuppen oder die in Ego-Perspektive opernhaft opulent ausgeführten Morde. Lieber lenkt er das Scheinwerferlicht in die Abgründe seiner Figuren. Ähnlich wie es schon Luigi Bazzoni in tief- wie abgründigen Mysterien wie THE LADY OF THE LAKE und SPUREN AUF DEM MOND oder Francesco Barilli in DAS PARFÜM DER DAME IN SCHWARZ getan haben. Eventuell macht ihn das ein bisschen zum Grenzgänger-Giallo, aber anders als die vorgenannten Werke Bazzonis oder Barillis ist MACCHIE SOLARI dann doch sehr viel deutlicher diesseits der Gelben Linie verortet.

     

    VIII

     

    Da wäre die Inszenierung. In ihrer Eleganz, in ihrem Aufbau, in ihrer musikalischen Untermalung, in ihrer unterschwelligen Bedrohlichkeit zweifelsohne Giallo pur. Die perfekte Symbiose aller Zutaten glückt Crispino in der Sequenz, als Mimsy Farmers Besuch eines morbiden Kriminalmuseums in paranoiden Schrecken mündet. Das Stöhnen und Seufzen gequälter Frauen aus dem Fegefeuer von Morricones Score in den Ohren; die Fotografien echter grausam gefolterter Mordopfer an den Wänden. Mittendrin Mimsy Farmer, gefährlich nahe am Wahnsinn.

     

    IX

     

    Genre-urtypisch auch die Perspektive. Im Murder Mystery all’italiana folgt der Zuschauer meist nicht den ermittelnden Polizisten, sondern arglosen Privatpersonen, die mehr oder weniger unbedarft in eine Reihe gewaltsamer Todesfälle involviert werden und dann eine gewisse Besessenheit entwickeln, die mörderischen Rätsel zu lösen. Ähnlich gelagert ist die Ausgangslage auch in MACCHIE SOLARI. Der besondere Kniff dabei ist aber, dass in diesem Film im Gegensatz zu vielen anderen Gialli unsere Protagonisten durchaus auch Täter sein könnten. Gewürzt mit einem Schuss Leichenhausmorbidität, etwas X-Factor-Brimborium wie Sonneneruptionen und ihrem Einfluss auf die menschliche Psyche sowie die eventuell daraus resultierende rätselhafte Selbstmordwelle entpuppt sich das angenehm komplexe Drehbuch aus der Feder Battistradas und Crispinos am Ende als ein in sich weitgehend schlüssiger Kriminalfall.

     

    X

     

    Ohne die genreüblichen Ingredienzien wie die schwarzen Handschuhe und Rasiermesser auskommend, aber durchaus genreüblich inszeniert ist Crispinos MACCHIE SOLARI ein verschachteltes, Geduld erforderndes Mörderpuzzle geworden, dessen langsames Tempo im Fandom gerne mit Langatmigkeit verwechselt wird. Vielleicht ein Giallo für Fortgeschrittene.

  • Autor: Christian Ade
  • Veröffentlichungen:

    MACCHIE SOLARI erschien in Deutschland unter dem Titel AUTOPSIE – HOSPITAL DER LEBENDEN LEICHEN als No. 13 der „Italo-Giallo-Series“ von X-Rated. Eigens für diese Veröffentlichung wurde eine durchaus annehmbare deutsche Synchronisation erstellt. Die deutsche Tonoption ist dann auch das Plus gegenüber AUTOPSY, der amerikanischen DVD aus dem Hause Blue Underground, die sich dank RC 0 auch auf hiesigen Playern problemlos abspielen lässt. Sowohl X-Rated als auch Blue Underground bieten den italienischen Origionalton sowie das englische Dubbing an. Annehmbares Bildniveau liefern beide Anbieter. Die Extra-Abteilung sieht hüben wie drüben mau aus. Mehr als ein paar Trailer des Films gibt es leider nicht.

  • Autor: Christian Ade
  • Filmplakate

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