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Außergewöhnliche Geschichten

Frankreich | Italien, 1968

  • Originaltitel: Histoires extraordinaires
  • Alternativtitel:

    Historias extraordinarias (ESP)

    Tre passi nel delirio (ITA)

    Powers of Evil

    Spirits of the Dead

    Tales of Mystery

  • Regisseur: Federico Fellini, Louis Malle, Roger Vadim
  • Kamera: Tonino Delli Colli, Claude Renoir, Giuseppe Rotunno
  • Musik: Diego Masson, Jean Prodromidès, Nino Rota
  • Drehbuch: Roger Vadim, Pascal Cousin, Louis Malle, Clement Biddle Wood, Federico Fellini, Bernardino Zapponi
  • Inhalt:

    Drei Geschichten, mehr oder weniger frei nach Erzählungen von Edgar Allan Poe:

     

    Metzengerstein: Die junge Gräfin Frederique von Metzengerstein übernimmt Schloss und Länder ihrer Eltern und lebt fortan in einer Welt der Orgien und der Ausschweifungen, gerne auch mal sadistischerer Natur. Auf dem Nachbarland lebt ihr Vetter William, von dem die Familie Metzengerstein aber eine uralte Feindschaft trennt. Als Frederique zufällig einmal William trifft, ist sie von seiner kühlen Art fasziniert. Da er aber allen ihren Annährungen widersteht, zündet sie aus Rache seinen Pferdestall an. William kommt in dem Feuer ums Leben, aber ein geheimnisvoller schwarzer Hengst überlebt das Inferno. Und während Frederique versucht einen Wandteppich in ihrem Schloss, der diesen Hengst darstellt und der bei dem Feuer merkwürdigerweise Schaden genommen hat (der Teppich, nicht der Hengst), wieder herzustellen, verfällt sie diesem Hengst immer mehr, und lässt dabei zu, dass das Pferd die Herrschaft über ihre Empfindungen übernimmt.

     

    William Wilson: William Wilson ist ein sadistisches Schwein. Als Schüler vergnügt er sich damit, einen an einem Seil aufgehängten Mitschüler über einem Fass, in dem sich Ratten befinden, auf und ab zu ziehen. Als Student hat er Spaß daran, eine zufällig auf der Straße aufgelesene junge Frau einer Herzoperation zu unterziehen. Am lebendigen Leib versteht sich. Und als Soldat spielt er Karten mit einer jungen Frau, und der letzte Einsatz ist ihr Körper. Sie verliert und gehört damit ihm und allen seinen Freunden zur bedingungslosen Unterwerfung. Aber bei allen seinen Vergnügungen kommt ihm immer wieder ein geheimnisvoller Doppelgänger in die Quere. Dieser Doppelgänger heißt William Wilson, sieht aus wie William Wilson, rettet Wilsons Opfer ein ums andere Mal, und schädigt nachhaltig Wilsons Ruf. Und seine Nerven …

     

    Toby Dammit: Toby Dammit ist ein englischer Schauspieler, der nach Rom kommt um dort einen religiösen Italo-Western zu drehen. Außerdem erhält er bei einer Gala eine große Auszeichnung. aber durch seine Alkoholsucht bekommt er das alles gar nicht so richtig mit, für ihn sind das alles nur Fassaden und Pappkameraden. Viel lieber jagt er mit seinem nagelneuen Ferrari, der Gage für den Film, durch die italienischen Dörfer und sucht seine Nemesis: Ein kleines Mädchen das mit einem Ball spielt und ihn verführerisch anlächelt.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Schwierig schwierig dieser Episodenfilm. Um nicht zu sagen zwiespältig. Rein prinzipiell sind dies erstmal drei Geschichten nach Edgar Allen Poe. Zwei davon sind recht nahe an den Originalen angelehnt, eine, die Episode Toby Dammit, ist, wie man so schön sagt, frei nach Motiven von Poe gestaltet.

    Die ersten beiden Episoden sind dabei in einer romantischen Vergangenheit angesiedelt: Metzengerstein ist praktisch zeitlos und spielt in einer idealisierten Vergangenheit, in der Reichtum, große Besitztümer und edle Gewänder wichtig sind, einhergehend mit orgiastischen Ausschweifungen und einer grundlegenden Negierung von Begriffen wie Moral oder Ehre. Damit wird tief in die Kiste der Schauerromantik gegriffen, und mit den exquisiten Bildern und der verstörenden Musik wird ein Mosaik aus düsterer Schwärmerei und zügellosem Gebaren gezeigt, welches das Herz eines jeden Romantikers treffen wird. Wenn Jane Fonda im knappen gelben Badeanzug sadistische Spielchen treibt, oder wenn sie im weißen Flatternachthemd ohne Höschen auf einem schwarzen Pferd reitet (mit roten Steigbügeln! Eine sehr erotische Schneewittchen-Version!), dann freut sich das Herz des Zuschauers schon auf die nächste schwarze Messe im heimischen Keller.

     

    William Wilson ist historisch eindeutiger einzuordnen, nämlich während der österreichischen Besatzung Norditaliens (also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts). Eine Zeit schlichter und dabei eleganter Kleidung und edler Vergnügungen (zumindest wenn man als Romantiker durch die Welt geht). Das heißt es gibt heitere Feste, schmucke Soldaten und geheimnisvolle schöne Frauen die sich hinter Fächern oder Masken verbergen und die Männer mit Augen-Blicken reizen. Und dazwischen Alain Delon mit seinem EISKALTER ENGEL-Blick und Brigitte Bardot mit schwarzen Haaren und zigarrerauchend. Kerzenschein, Männer mit Degen, Frauen mit aufreizendem Dekolleté - Romantik pur eben! Eine Welt, in der Männer ihre Angebeteten nachts heimlich entführen und die Entehrung durch eine Ohrfeige nur mit einem Duell abgewaschen werden kann. Und mitten in dieser schauerromantischen Welt dann noch eine Geschichte um einen mysteriösen Doppelgänger und um sadistische Spiele, die nur durch diesen Doppelgänger zu einem guten Ende gebracht werden können. Wer sein Herz an Erzählungen von Wilkie Collins, Charles Maturin oder Gustav Meyrink verloren hat, der ist hier genau richtig.

     

    Cut! Wir befinden uns im Anflug auf den Flughafen von Rom. Vor einem imaginären Höllenfeuer hat der Flughafen sein Netz ausgeworfen um das Flugzeug auf den Boden zu holen. Der Unterschied ist schon gewaltig, und es kommt wirklich auf die Einstellung beziehungsweise den Geschmack des Zuschauers an: Wer die ersten 90 Minuten eher als historisch-langweiliges Starvehikel gesehen hat, der dürfte jetzt um einiges glücklicher werden. Und wer die letzten knapp 90 Minuten sein Gemüt am Anblick von verfallenen Schlössern und alten italienischen Städten erwärmen konnte, der fällt gerade ziemlich auf die Schnauze.

    Toby Dammit ist eine hochinteressante und spannende Folge, bitte nicht falsch verstehen. Vieles, was für Fellini typisch ist, wird hier gezeigt. Die Verlogenheit und Hohlheit des Filmgeschäfts wird dem Zuschauer in Sekundenschnelle um die Ohren gehauen. Aufdringliche Klatschreporter, dümmliche “Journalisten“, eine Preisverleihung, bei der austauschbaren Sternchen eine nutzlose Büste überreicht wird, und die sich mit den immer gleichen Worten bedanken. Aufgeblasene Menschen die künstlich lachen und nur aus Show bestehen. Und mittendrin Toby Dammit, ziemlich besoffen, und doch bereit das Spiel mitzuspielen, auch wenn er (als einziger) klar sieht, dass seine Umgebung aus Pappe und Sperrholz besteht. Bis ihn dann irgendwann das Delirium einholt, und er wie ein Verdammter (“Dammit“) mit irrsinnigem Gelächter durch die Nacht fährt, nur um immer wieder in Sackgassen zu landen. Niemand kann ihm weiterhelfen, und niemand weiß wie er hier rauskommt, wo immer er auch hin will. Doch, er weiß wo er hin will: Zu seinem ganz persönlichen Teufel in Gestalt eines kleinen Mädchens. Und der endgültige Weg dorthin wird ihn einiges kosten …

     

    Wie gesagt, Tom Dammit ist sicher die vielschichtigste und außergewöhnlichste Folge. Bloß, sie passt überhaupt nicht zu den anderen beiden Episoden. Gedreht wurde die Kompilation in einer Zeit, in der mit großem Erfolg die Corman’schen Poe-Verfilmungen liefen, oft mit Vincent Price in der Hauptrolle. Entsprechend wurde für die US-amerikanische Version der AUSSERGEWÖHNLICHEN GESCHICHTEN auch eine Einführung und Episodenverknüpfungen mit Vincent Price gedreht. Was im Fall der ersten beiden Episoden ja auch noch ziemlich gut passen mag – Schauerromantik und Schauerromantik gesellt sich halt gerne. Aber es würde mich mal interessieren, ob Price auch eine Einführung zu der Fellini-Folge gedreht hat, und wenn ja, wie die wohl aussieht. Ich meine, Fellini arbeitet hier bewusst mit Einsatz der Künstlichkeit. Nicht nur die Charaktere(?) sind künstlich, auch die Kulissen und die Beleuchtung sind künstlich. Dammits Welt und die ganze Filmwelt ist eine Scheinwelt. Film ist die Kunst der Illusion, also zeigt Fellini die Illusion. Er zeigt sie so überhöht, dass der Schein auffällt. Die Welt der ersten beiden Episoden ist ebenfalls eine Scheinwelt, die nur in unserer romantischen Vorstellung existiert und gerade dadurch unsere Phantasie beflügelt. Fellini zerstört diese Illusion, und damit aber auch das bis dahin vorherrschende gotisch-romantische Flair des Films.

     

    Die AUSSERGEWÖHNLICHEN GESCHICHTEN bestehen also prinzipiell aus 2 völlig verschiedenen Bausteinen: Hier die bewusst künstliche Erschaffung gotisch-romantischer Welten, die den Texten Poes und dem Geist etwa Baudelaires in nichts nachstehen, dort die bewusste Erhöhung und Zerstörung dieser Künstlichkeit in einem wilden Gewitter an Bildern und Eindrücken. Ich würde gerne versuchen einer Wertung zu entkommen, gebe aber gleichzeitig ganz offen zu, dass mir die ersten beiden Episoden besser gefallen: Wenn Jane Fonda im Minutentakt die aufreizende Kleidung wechselt, und mit ihrem schwarzen Pferd durch die Bretagne reitet, da lacht mein gotisches Herz. Optisch und musikalisch sind die ersten beiden Episoden auf jeden Fall näher bei den Corman-Verfilmungen anzusiedeln, wenn gleich mit einem anderen Flair. Hier ist es nicht der einsame Witwer oder Zauberer, der versucht seiner lebenden oder toten Angebeteten näher zu kommen, sondern es ist der Blick auf leere und kalte Personen, bar jeder Regung, die durch Experimente an lebenden Menschen versuchen herauszubekommen wie sich Leben anfühlt, und dabei merken wie leer sie eigentlich sind. Diesen Ansatz kann man auch bei der Fellini-Episode beobachten, wobei hier noch ein anderer Aspekt zum Tragen kommt. Interessanterweise ist der Titel der britischen und US-amerikanischen DVD nämlich SPIRITS OF THE DEAD. Und tatsächlich, alle Geschichten handeln vom Wiederkehren Toter, von Geistern die den Lebenden das Dasein zur Hölle machen. Und man möchte gar nicht erst wissen, wie es zu dem Geist des Mädchens in der dritten Episode gekommen ist. Da tun sich dann wahre Abgründe auf, die mit idealisiert-schwarzen Fantasien rein gar nichts mehr zu tun haben, sondern einfach nur schmerzen.

     

    Darum noch einmal: Die dritte Episode ist hochinteressant und bietet viele Möglichkeiten zum Diskutieren und Analysieren. Der jazzige Soundtrack, die schnelle Kameraführung, die unendlich vielen Anspielungen, die nur in ganz kurzen Einstellungen über den Bildschirm huschen … Nur die Diskrepanz zwischen den ersten 80 und den letzten 40 Minuten, die ist groß. Verdammt groß. Zwiespältig, gewissermaßen …

  • Autor: Maulwurf
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