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Arizona Colt

Frankreich | Italien, 1966

  • Alternativtitel:

    Il pistolero di Arizona (ITA)

    Man from Nowhere (USA)

    Halleluja Companeros

  • Deutsche Erstaufführung: 24. Februar 1967
  • Regisseur: Michele Lupo
  • Kamera: Guglielmo Mancori
  • Musik: Francesco De Masi
  • Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Michele Lupo, Luciano Martino
  • Inhalt:

    Die vom zynischen wie mordlustigen Gordon Watch angeführte „Bande der blutigen Peitsche“ verbreitet Angst und Schrecken im Westen. Als nächstes gerät die kleine Stadt Blackstone ins Visier der Mörderbande. Dort stellt sich ihnen –für 500 Dollar und einer Nacht mit der Wirtstochter- der smarte, aber eiskalte Hired Gun Arizona entgegen...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    Was hat noch gleich ein gewisser Herr Bert Markus vor fast fünfzig Jahren in der Zeitschrift Filmecho/Filmwoche über ARIZONA COLT geschrieben? In Wikipedia steht hierzu folgendes:

     

    „Das alles hat nichts mehr mit Abenteuer-Romantik, Wild-West-Idylle oder Karl-May-Color zu tun. (…) Dies ist der härteste und grausamste Western (…) einer allmählich ärgererregenden Welle rüder Erzeugnisse, weil sie die Verwilderung der menschlichen Gefühle zum Idol ihrer Antihelden erhebt.“

     

    Und die Meinung des Evangelischen Filmbeobachters?

     

    „Abzuraten wegen der für diesen Zweig des europäischen Westerns schon typischen Häufung von Brutalitäten und Sadismus.“

     

    Man kann den christlichen Rezensenten vergangener Tage von einer gewissen Zartbesaitung über die fehlende Splatter-Kinderstube hin zu mangelndem Fingerspitzengefühl, was Genrekino betrifft ja so einiges vorwerfen, aber eines ganz sicher nicht: Dass die Herren es nicht drauf hätten, dem Fan das Maul de luxe wässrig zu schreiben. Ich jedenfalls hatte nach diesen beiden verheißungsvollen Einschätzungen, das dringende Bedürfnis, ARIZONA COLT in den Player zu werfen...

     

    ...und wurde nicht enttäuscht. Auch wenn man hier keinen vorweggenommenen TODESMARSCH DER BESTIEN erlebt; ARIZONA COLT ist tatsächlich ein alles andere als zimperlich vorgehender Italowestern. Die Filmkritiken (auch wenn ich sie als bekennender Connaisseur italocineastischer Taktlosigkeiten so nicht unterschreiben würde) haben wahrlich nicht zuviel versprochen. Jep; und nach Western Nr.2 in der Vita des zuvor peplum-gestählten Michele (SIEBEN GEGEN ALLE) Lupo, bin ich sogar geneigt, den heiligen Zorn der zitierten geschätzten evangelischen Kollegen etwas nachvollziehen zu können.

     

    Die Titelfigur ARIZONA COLT und vor allem seine Gegenspieler lassen von der ersten bis zur letzten Minute den Body Count-Zähler nach oben rattern wie den Punktestand beim Flippern während eines Multiballs. Wenn nach hundertelf äußerst zynischen und öfters auch mal sadistischen Minuten dann der letzte unschuldige Stadtbewohner oder der letzte verlauste Bandit in den Staub gesunken ist, dann dürfte sich die stattliche Leichenzahl im locker dreistelligen Bereich eingependelt haben. Wenn uns dann noch das übrigens von niemand Geringerem als dem Thriller-Spezialisten Ernesto Gastaldi, der so so ziemlich alle großen Gialli von Martino bis Ercoli geschrieben hat, einen – Setze hier bitte ein verlegenes Räuspern- „Helden“ vorsetzt, der zwar immer charmant lächelt, aber den Colt nur gegen klingende Münze und dem Recht der ersten Nacht mit der Tochter des Wirts einsetzt, dann kann man fast schon wieder verstehen, dass dem Evangelischen Filmbeobachter kurzzeitig der Kaffee hochkommt und er empört ob des Werteverfalls im europäischen Genrekino aufheult.

     

    Aber eben nur fast. Wir Fans sehen diese Dinge natürlich nicht ganz so eng. Weil genau dieser im Italowestern oftmals exzessiv proklamierte Abschied von Moral und Anstand uns all die vielen liebgewonnenen „Anti-Helden“ (wie etwa „Arizona Colt“) und verkommene Vorzeige-Schurken (wie „Gordon Watch“ alias Fernando Sancho) erst generiert - und so ganz nebenbei die Schönfärberei der alten Hollywood-Western mit einem spöttischen Grinsen auf den Lippen gnadenlos entlarvt.

     

    Besagten Anti-Helden mimt hier Giuliano Gemma. Er nennt sich zwar „Arizona Colt“, aber sein Charakter ähnelt frappierend dem von „Engelsgesicht“, den er erst im Jahr zuvor in Duccio Tessaris 1965 entstandenen EINE PISTOLE FÜR RINGO verkörpert hat. Einmal mehr spielt Gemma also den jungen, glattrasierten Revolverhelden, der einerseits eine naive Lausbubenhaftigkeit ausstrahlt, andererseits aber auch eiskalt berechnend und gnadenlos im Umgang mit dem Schießeisen ist. Wie Ringo bestellt sich auch Arizona Colt im Saloon lieber eine Milch anstelle des gepflegten Whisky. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass Gemma als Arizona Colt noch sehr viel unmoralischer und eigennütziger agiert als er es in der Rolle des Ringo in Tessaris oben erwähnten unterhaltsamen Western getan hat.

     

    Als Gegenspieler sieht sich Gemma einem alten Bekannten gegenüber. Nämlich unserem dicken, fiesen Lieblingsspanier, dem gebürtigen Saragossen Fernando Sancho. Der gibt in Lupos Visitenkarte in Sachen rabiatem Western einmal mehr den sadistischen Meisterzyniker, Mörder, Räuber und Bandenführer und gebärdet sich so wie man es von ihm gewohnt ist; wie ein schwererziehbares Kind aus der Hölle im Körper eines dicken, kleinen Spaniers. In genau derselben Konstellation standen sich Gemma und Sancho schon in Tessaris EINE PISTOLE FÜR RINGO gegenüber; was das Déjà-Vu-Gefühl bei ARIZONA COLT nur verstärkt. Der Film wirkt tatsächlich wie eine etwas grimmigere Variante von EINE PISTOLE FÜR RINGO. Mit einem Schuss YANKEE. Gemma trickst und tötet, tötet und trickst, während Sancho die Zynismen a Go Go abfeuert und einen Unschuldigen nach dem Anderen hinrichtet.

     

    In Sanchos erlesen besetztem Henchmen-Ensemble habe ich zum Beispiel José Manuel Martin und Nello Pazzifini ausgemacht. Der gute Nello darf sich in ARIZONA COLT übrigens sogar über viel mehr Screentime als gewohnt freuen. Und als Dreingabe noch über einen kleinen One Night Stand mit niemand Knackigeren als der sündigen Rosalba (SKLAVEN IHRER TRIEBE) Neri freuen. Auch wenn der letzteren dieses Schäferstündchen im Stroh letztendlich dann doch nicht so gut bekommt...

     

    Das alles hat dann wirklich nichts mehr mit Abenteuer-Romantik, Wild-West-Idylle oder Karl May zu tun, sondern eher was mit zwei Kugeln in die Knie und zwei in die Hände.

    Auch wenn es überrascht, dass es unser strahlender „Anti-Held“ Arizona derart geschunden überhaupt noch in den atmosphärisch dichten und packend inszenierten Showdown (passenderweise in des Totengräbers Sarglager) schafft; ARIZONA COLT ist – wie es der Evangelische Filmbeobachter ausgedrückt hat - tatsächlich eine „Anhäufung von Brutalitäten und Sadismen“, aber eben auch ein versiert gemachter, unterhaltsamer Italowestern der extrazynischen Art.

     

    In diesem Sinne:

     

    „Mein Vater hatte eine schöne Uhr. Ich wollte sie immer haben. Er sagte, wenn ich mal sterbe, bekommst du sie. Fünf Sekunden später hatte ich sie.“

  • Autor: Christian Ade
  • Veröffentlichungen:

    Savoy/Intergroove hat ARIZONA COLT unter anderem in ihrer Ramschbox „Django Reloaded“ zusammen mit dem richtig guten DIE IM SCHLAMM VERRECKEN, den hier bereits gewürdigten Steve Reeves-Abschiedsfilm ICH BIN EIN ENTFLOHENER KETTENSTRÄFLING, Fulcis SILBERSATTEL und den beiden überflüssigen Gurken EIN DOLLAR FÜR DEN TOD und ZWEI TROTTEL GEGEN DJANGO veröffentlicht. Im Gegensatz zu manch anderer auf technischer Seite verhunzter Präsentation in dem seinerzeit äußerst günstig zu erwerbenden Set, bietet ARIZONA COLT zumindest gute bis ordentliche Bild- und Tonqualität. Extras gibt’s keine und zu hören ist auch nur die deutsche Synchronisation. Die ist aber richtig schmissig.

  • Autor: Christian Ade
  • Links

    OFDb

    IMDb

     

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