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Amazonas - Gefangen in der Hölle des Dschungels

Brasilien | Italien, 1985

  • Originaltitel: Nudo e selvaggio
  • Alternativtitel:

    Cannibal Ferox 2 (UK)

    Massacre in Dinosaur Valley (USA)

    Massacre no Vale dos Dinossauros (POR)

    Prisonnières de la vallée des dinosaures (FRA)

    Massacre dans la vallée des dinosaures (FRA)

    Amazonas (D)

    Perdidos no Vale dos dinossauros (BRA)

  • Regisseur: Michele Massimo Tarantini
  • Kamera: Edson Batista
  • Drehbuch: Michele Massimo Tarantini, Dardano Sacchetti
  • Inhalt:

    Eine illustre Reisegruppe - vertreten sind unter anderem Paläontologen, Fotomodelle, Schnapsdrosseln und Söldner- muss mit dem Flugzeug im Amazonasbecken notlanden. Bedeutet für uns dreierlei: Barbusige Damen, Kannibalen und Exploitation bis die Schwarte kracht!

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    Letztens bei mir im Heimkino. Mein alter Freund Müller ist auf einen Filmabend vorbeigekommen. "Na, Müller?" frage ich, als ich vor den Regalen der Freude stehe."Welcher Film darf es denn heute sein?" Müller zieht die Stirn in Falten. Er überlegt. Und überlegt. Dann meint er: "Eigentlich hätte ich ja Bock auf einen Bud Spencer und Terence Hill-Klopper." Guter Gastgeber und Filmvorführer, der ich bin, greife ich schon zur bereitstehenden Monsterbox der besagten Beiden. Doch Müllers Meinung kommt ins Wanken. "Andererseits käme jetzt so ein dreckiger im Dschungel spielender Kannibalenfilm richtig geil." Häh? Was nun? Bud Spencer oder Ruggero Deodato? Fröhlicher Haudrauf-Film oder Menschenfresser-Gelage? Ich merke schon: Diesen Gast zufrieden zustellen würde kein Zuckerschlecken werden.

     

    Nun fällt Müllers Blick in die Jess Franco-Ecke meines Filmregals. Er sieht Dyanne Thorne in gestrenger Uniform, eine nackte Lina Romay in Ketten und Eric Falk mit einer Peitsche. Plötzlich äußert Müller lautstark das Bedürfnis, einen schmuddeligen Frauengefängnisfilm zu gucken. Und ich stehe vor einem noch größeren Problem. Wie ein Überraschungsei-Kind will Müller drei Dinge gleichzeitig. Spiel, Spaß, Spannung. Wie zum Teufel soll ich die Wünsche meines Filmabendgastes auf einen Schlag mit nur einem einzigen Film erfüllen?

     

    Verzweifelt irrlichtert mein Blick über Abertausende von DVD-Hüllen. Vor meinen Augen verschwimmen dicke, bärtige Schlägertypen, an Knochen nagende Eingeborene und barbusige Schönheiten hinter Gittern. Und plötzlich kommt die Erleuchtung! Wozu hat denn ein Römer namens Michele Massimo Tarantini im Jahre des Herrn 1985 einen Film namens NUDO E SELVAGGIO (aka AMAZONAS aka MASSACRE IN DINOSAUR VALLEY) gedreht?

     

    Richtig! Um den Kannibalenfilm, die Hau-den-Lukas-Komödie und sleazige Bambus(knast)kost auf eine DVD zu komprimieren! Da war sie - des Rätsels Lösung! Flugs besagten Silberling aus dem Regal gezogen und in den Player gesteckt. Der Filmabend konnte beginnen.

     

    Ungeachtet des Gewaltverherrlichung propagierenden Cover und den blutroten MASSACRE IN DINOSAUR VALLEY-Lettern im Vorspann wird letzterer mit fröhlicher Gute Laune-Musik begangen. Die verheißt alles, nur keinen Kannibalenreißer. Vielmehr erwartet man bei solchen Klängen, dass jeden Moment Terence Hill und sein dicker Kumpel Buddy ins Bild springen, um dem nächstbesten Knallchargen die Bügelfalte zu dämpfen. Die beiden kommen zwar dann doch nicht, aber die ersten Filmminuten gestalten sich in puncto Synchronisation, Musik und lockersitzenden Fäusten dergestalt, dass man sich tatsächlich in einem Klopper der Genannten wähnt. Ja, sogar der blonde und dreitagesbärtige Hauptdarsteller des Dinosauriertal-Massakers Michael Sopkiw wirkt wie ein formvollendeter Terence Hill für Arme.

     

    Das Display des Players zeigt Minute 14 an. Wir kommen vom Spaß zum (Liebes-)Spiel. Terence Hi... -ähem- Michael Sopkiw darf machen, was Hill in seinen Filmen nie durfte. Nämlich seine nackige Filmpartnerin von oben bis unten abschlecken. Kumpel Müller –gerührt vor Anerkennung- klatscht mit mir ab. Bei aller Bescheidenheit: Meine Filmwahl, ein Husarenstreich! Sind nun doch schon zwei Wünsche meines Gastes (Wir erinnern uns: Sleaze, Spaß und Spannung) erfüllt. Für den Sleaze sorgen die zeigefreudigen und willfährigen Models; für den Spaß eine u.a. von dem unvergessenen Gottfried Kramer eingesprochene göttlich-trashige deutsche Synchronisation.

     

    Ein paar Kostproben gefällig? Hier Müllers und meine Lieblingszitate aus dem Munde der Hauptfiguren, die nach einer Viertelstunde mit ihrem Flugzeug ausgerechnet im Gebiet primitiver Kopfjäger notlanden müssen:

     

    "Wir landen im Tal der Dinosaurier in etwa 40 Minuten!" (Der Pilot ca. zwei Minuten vor dem Absturz...)

     

    "Banane gefällig?" (Unser potenter Held, Paläontologe und Terence Hill-Imitator)

     

    "Ich war in der Hölle von Vietnam. Ein paar Indios werde ich jetzt auch noch überleben!" (Unser unsympathischer, Tarnfleck tragender, rassistischer Kriegsveteran und Ehemann einer botoxgesichtigen Alkoholikerin. Er nennt sich Captain John Heinz, hihi...)

     

    "Der Fluch des Dinosaurier-Tals beginnt schon zu wirken. Stimmt`s, Professor? Darauf trinke ich einen!" (Besagte geliftete Schnapsdrossel während sich das Flugzeug bereits im Sturzflug befindet).

     

    "Also rote Indios statt gelber Vietcong. Das Überlebenstraining der Green Berets ist für alles gut! Der Dschungel ist gleich! Überall auf der Welt! Er verliert seine Schrecken durch ... (gewichtige Pause) ... Spezialtraining!" (Nochmal unser Möchtegern-Rambo).

     

    Ich hätte noch gerne den Ratschlag von Captain John -hihihi- Heinz aufgeführt, den er später seiner Frau gibt, als deren Arm nach einer Flußdurchwatung voller Blutegel hängt, aber das würde den Rahmen sprengen. Wenn ihr allerdings an dieser Stelle Zitate der Fotomodels oder der hübschen Professorentochter vermisst; sorry: Leider hat das Drehbuch für die Damen keine großen Worte vorgesehen. Sie müssen nur kreischen, wenn irgendwo eine Schlange herumkriecht oder "Ich kann nicht mehr!" stöhnen oder sich die ohnehin fast durchsichtigen Blusen im Dschungel so in Fetzen reißen, damit der Zuschauer endgültig freie Sicht auf die Nippel hat.

     

    In Sachen Trash stehen die Bilder dem Ton (zunächst) in nichts nach. Nach einem unglaublichen Flugzeugabsturz (in Klammer: Ein Modellflugzeug wird in den Matsch geschmissen), der in der -autsch!- "Grünen Hölle" endet, geht es mit Discomucke erstmal schnurstracks über die Blutegelsümpfe und durchs Schrumpfkopfmarschland ins Kannibalengebiet.

     

    Wobei sich das MASSACRE IN DINOSAUR VALLEY fortan in drei Teile gliedert. Dabei findet sich die größte Kurzweil in den ersten beiden Dritteln. Konkret in den Passagen, wo es gilt, die Gefahren des Dschungels (Herr Piranha, Frau Krokodil und Gevatter Treibsand) oder einen unfreiwilligen Aufenthalt bei den Kannibalen zu überstehen (oder eben nicht überstehen).

     

    Es gibt zwar ein bisschen Blut & Eingeweide & angenagte Knochen, aber im Vergleich zu anderen Menschenfresserfilmen in gemäßigter Form. Das MASSACRE IN DINOSAUR VALLEY lässt die Grimmigkeit der fiesen großen Brüder MAKE THEM DIE SLOWLY und CANNIBAL HOLOCAUST zwar vermissen, hält sich dafür aber in Sachen Tiersnuff zurück.

     

    Nach dem Intermezzo mit den Kannibalen gehen jedoch nicht nur die Kleider der Damen, sondern leider auch der (unfreiwillige) Humor verloren. Deutlich unlustiger, aber dafür umso schmieriger beschließt Regisseur Tarantini den letzten Akt im Sklavenlager. Sklavenlager? Richtig gelesen! Das gibt es nämlich auch noch! Müller hatte schon ein bisschen Pipi in den Augen, als meine Filmwahl zum Schluss gar noch einen Hauch von AMAZONAS JAIL durchs Heimkino wehen ließ. Inklusive unverhohlener Frauenfeindlichkeit, lesbischen Spielchen, Vergewaltigung, Gewalttätigkeiten und dumm-dreisten Chauvinismus aller Art.

     

    Leider frönt Tarantini der sleazigen Exploitation längst nicht so gekonnt wie etwa Meister Franco, so dass der Unterhaltungswert gegen Ende etwas abbaut. Mit fast schon körperlich schmerzenden Kalauern rauscht das Niveau beim peinlichen Schluss dann völlig in den Keller. Schade, schade. Doch der Filmabend war nicht zuletzt wegen einer Stunde köstlichsten Trash ein feucht-fröhliches Ereignis. All inclusive: Doofe Dialoge, unterirdische Schauspielkunst, grandios schlechte Flugzeugabstürze, Nackedeis und Kannibalen. Letztendlich hat Müller in nur 85 Minuten bekommen, was er wollte: Sleaze, Spaß und (wenigstens ein bisschen) Spannung!

     

    Ich warne vor dem gnadenlos spoilernden Trailer und empfehle das MASSACRE IN DINOSAUR VALLEY als lustige Vorspeise zum Schönsten aller sleazigen Kannibalenschlockfeste, das da natürlich NACKT UNTER KANNIBALEN wäre.

  • Autor: Christian Ade
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