Das 10. Opfer

Frankreich | Italien, 1965

  • Originaltitel: La decima vittima
  • Alternativtitel:

    A Décima Vítima (BRA)

    La víctima número diez (ESP)

    La dixième victime (FRA)

    The Tenth Victim (GBR)

    The 10th Victim (USA)

    Das zehnte Opfer

  • Deutsche Erstaufführung: 05. August 1966
  • Regisseur: Elio Petri
  • Kamera: Gianni Di Venanzo
  • Musik: Piero Piccioni
  • Drehbuch: Tonino Guerra, Giorgio Salvioni, Ennio Flaiano, Elio Petri, Ernesto Gastaldi
  • Inhalt:

    In einer nicht näher bezeichneten Zukunft wurden globale Bedrohungen wie etwa Krieg, Überbevölkerung oder Überalterung durch die staatliche Legalisierung von Gewalttätigkeiten fast gänzlich ausgelöscht, indem weltweit ein tödliches Gesellschaftsspiel unter der ständigen Kontrolle des „Ministeriums für die große Jagd“ ins Leben gerufen wurde. Dabei handelt es sich um eine infame Menschenjagd, für die die jeweiligen Teilnehmer von einem Computer in Genf nach einem willkürlichen Algorithmus ermittelt und zusammengestellt werden und jeder Einzelne insgesamt 10 Jagden zu überstehen hat: 5 als Opfer und 5 als Jäger. Aber nur wer auch die finale 10. Runde überlebt, dem winkt eine Millionen Dollar schwere Siegesprämie entgegen, wodurch man sein zukünftiges Leben in dieser zwar neuen, aber auch sehr unschönen Welt durchaus angenehm gestalten kann.

     

    Und so kommt es, dass die erfolgreiche Jägerin Caroline Meredith (Ursula Andress) einen schönen Tages von der finanzkräftigen „Ming-Tee Gesellschaft“ ein äußerst verlockendes Angebot unterbreitet bekommt, da die weltweit größte Importfirma für Tee das Finale ihrer 10. und zugleich letzten Jagd live im TV übertragen möchte. Dabei soll die junge Amerikanerin ihr letztes Opfer, den von chronischen Geldsorgen geplagten Italiener Marcello Poletti (Marcello Mastroianni), im Rahmen eines gefakten Interviews live vor der laufenden Kamera das Lebenslicht ausblasen, wobei die “Ming-Tee Gesellschaft” das medienträchtige Ereignis wiederum völlig selbstlos für ihre eigenen Werbezwecke nutzen will. Nachdem die Geldfrage endgültig geklärt werden konnte, beginnt auch schon die Anreise von den Vereinigten Staaten Amerikas in die italienische Hauptstadt, wobei Caroline von einem ganzen Trupp an Kameramännern und Statisten der “Ming Tee Gesellschaft” begleitet wird. Nachdem der “Tempel der Venus” als Kulisse für das tödliche Interview auserkoren werden konnte, widmet sich die erbarmungslose Jägerin ihrem nächsten Opfer, welches aber bis dato noch überhaupt nichts von seinem bevorstehenden Glück ahnt, da lediglich der Jäger dazu privilegiert ist, Informationen über sein zukünftiges Opfer einholen zu dürfen. Das Opfer darf hierbei aber keinerlei Informationen über seinen entsprechenden Jäger erfahren und muss somit zunächst einmal herausfinden, wer ihm letztendlich überhaupt ans Leder möchte.

     

    Und genau so ergeht es dann auch unserem auserkorenen Opfer Marcello, der im Vorfeld vom “Ministerium für die große Jagd” lediglich die Info erhielt, dass er in der anstehenden Spielrunde die Rolle des Gejagten übernehmen muss. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Marcello der ersten Kontaktaufnahme durch Caroline zunächst skeptisch gegenüber steht, sich dann aber nach und nach von ihr einlullen lässt. Die amerikanische Superjägerin versucht ihr attraktives Opfer nun mit List und Tücke zum vorgeschobenen Interview zu bewegen, um Marcello somit zu seinem ewigen Glück zu verhelfen. Wird Marcello den unwiderstehlichen Reizen Carolines verfallen und somit sein Schicksal besiegeln oder kann sein Rechtsanwalt (Massimo Serato) das falsche Spiel noch reichtzeitig entlarven und seinen Zögling vor der letzten Reise in die ewigen Jagdgründe bewahren?

     

    „Die große Jagd wird alle Kriege überflüssig machen. Legalisieren Sie ihre Morde. Ein Feind pro Tag erspart den Arzt. Weshalb Geburtenkontrolle, wenn wir die Abgänge erhöhen können. Leben Sie gefährlich, aber nach dem Gesetz. Die große Jagd gibt Ihnen das Gefühl der Sicherheit. Wenn Sie wollen, dass es zukünftig keine Kriege mehr gibt, schreiben Sie sich ein für die große Jagd. Legalisieren Sie ihre Morde!“

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    Ausgehend von Robert Shakleys Kurzgeschichte „Das siebte Opfer“ von 1953 verarbeitete Regielegende Elio Petri („DIE ARBEITERKLASSE KOMMT INS PARADIES“, „ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER“, „ZWEI SÄRGE AUF BESTELLUNG“) die beschriebene Dystopie in seiner 1965 entstanden Verfilmung, woraufhin Shakley später noch ein weiteres Buch zu dieser Thematik mit dem gleichnamigen Titel „Das zehnte Opfer“ veröffentlichte. In späteren Jahren diente Shakleys Geschichtsvorlage außerdem auch noch für weitere Filmproduktionen wie z.B. „DAS MILLIONENSPIEL (1972)“, „KOPFJAGD – PREIS DER ANGST (1983)“ oder auch „RUNNING MAN (1987)“.

     

    Elio Petri zeigt uns in seiner bildgewaltigen Inszenierung völlig absurde Zukunftsvorstellungen in einer noch absurderen Welt, wobei das staatlich einberufene Tötungsspiel als eine Art Ablassventil dienen soll, um das in der Gesellschaft vorherrschende Aggressionspotenzial kanalisieren und schließlich eliminieren zu können. Dank der Einführung des tödlichen Gesellschaftsspiels gehören Kriege, Überbevölkerung oder Überalterung mittlerweile der Vergangenheit an und es wird dabei sogar die haarsträubende These vertreten, dass wenn es 1939 diese infame Menschenjagd schon gegeben hätte, Hitler womöglich auch daran Teil genommen hätte und uns der 2. Weltkrieg somit höchstwahrscheinlich erspart geblieben wäre.

     

    Aber kommen wir wieder zu Elio Petris knallbunten und völlig illusorischen Zukunftswelt zurück, in der ein Amerikaner Papst ist, der hocheffiziente Sprengstoff-Zwieback kurz vor seiner Markteinführung steht, das „Amt für Liquidierung älterer Menschen“ die Hände voll zu tun hat oder moderne Gladiatorenkämpfe in stylischen Nachtclubs abgehalten werden. In dieser schönen, neuen Welt sind die Bewohner aber auch dementsprechend abgestumpft und wirken von ihrem Leben in diesen dystopischen Gefilden völlig gelangweilt, was wiederum den vorherrschenden Zynismus in allen Lebenslagen fördert.

     

    Inszenatorisch wurde diese sehr poppige Filmproduktion mit einer überwältigenden Bildästhetik versehen, die erst einmal seines Gleichen sucht und zudem ganz tief den Zeitgeist der 60er Jahre ein- und ausatmet. Dabei zeichnet sich diese knallbunte Zukunftswelt an manchen Stellen sehr comichaft ab und versprüht durchwegs einen Hauch von Psychedelic. Außerdem gelingt es der futuristischen Bildästhetik von Beginn an, einen sofort in ihren Bann zu ziehen und bis zum bitterbösen Ende auch nicht mehr los zu lassen. Der sehr zeitgenössische, aber auch zugleich futuristische Modestyle, kann als weiteres Element dieser fabelhaften Bilderwelt begeistern und vollendet somit diesen außerordentlichen Sehgenuss.

     

    Darüber hinaus wurden diesem staatlich legitimierten Freizeit-Happening in Zusammenarbeit von Elio Petri und dem „Ministerium für die große Jagd“ die folgenden Spielregeln zugrunde gelegt:

     

    Regel Nr. 1: Jedes Mitglied muss sich verpflichten, 10 Jagden mitzumachen. 5 als Jäger und 5 als Opfer.
    Regel Nr. 2: Der Jäger weiß genau über sein Opfer bescheid: Name, Anschrift und seine Gewohnheiten.
    Regel Nr. 3: Das Opfer darf niemals wissen, wer sein Jäger ist. Es muss ihn erraten und dann vernichten!
    Regel Nr. 4: Dem der Sieger wird bei der jeweiligen Jagd, winkt zur Belohnung eine Prämie. Aber dem, der es wirklich fertig bringt, sämtliche Jagden zu überstehen, erklären wir feierlich zum Champion und er kriegt von uns einen Orden und 1 Million Dollar.

     

    Somit wären wir jetzt auch endlich bei den beiden Hauptdarstellern angelangt, wobei hier ein wasserstoffblondgefärbter „Marcello Mastroianni” (“ACHTEINHALB”, “DAS GROßE FRESSEN”, “TRAUEN SIE ALFREDO EINEN MORD ZU?”) zunächst einmal den Anfang macht: Dieser darf in der vorliegenden Geschichte den von chronischen Geldnöten geplagten Marcello Poletti verkörpern, da seine entsprechenden Gewinnprämien entweder vorzeitig von seiner verhassten Ehefrau Lidia (Luce Bonifassy) einkassiert werden oder für den kostspieligen Lebenswandel seiner luxusverwöhnten Geliebten Olga (Elsa Martinelli) draufgehen. Zudem hat er seit 5 Jahren ein Annolierungsverfahren für seine unglückliche Ehe am Laufen und erwartet dabei eigentlich tagtäglich die Zustellung des heißersehnten Bescheids. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Gerichtsvollzieher des “staatlichen Vollstreckungsausschusses” bei den Polettis ein- und ausgeht und dabei so ziemlich alles pfändet, was nicht niet- und nagelfest ist. Aus diesem Grund sieht sich Signore Mastroianni dazu gezwungen, an den lebensbedrohlichen Spielen teilzunehmen, da er durch seine sonstigen Einnahmequellen in dieser oberflächlichen Zukunftswelt kein menschenwürdiges Dasein führen kann. Neben seiner hauptberuflichen Beschäftigung bei “der großen Jagd” führt aber auch noch ein weiteres Nebengewerbe als Prediger einer Sonnenkultgemeinschaft aus, wobei er aber keinesfalls an das glaubt, was er letztendlich seinen Mitbrüdern vorpredigt. Somit führt er diese Nebenbeschäftigung aus rein gewinnbringenden Gründen aus, da ihm ursprünglich 20% des Reingewinns für seine spiritistische Tätigkeit zugesagt wurden. Aber leider verhakelt ihm “das neorealistische Gesindel” in letzter Zeit seine zuvor gutlaufende Einnahmequelle, worüber unser Bruder Marcello verständlicherweise alles andere als begeistert ist. In seiner Freizeit begibt er sich dann auch mal ins ortsansässige Entspannungszentrum, um sich dort während des Erholungsprogramms “Wolfsgeheul im Sturm” einer “nordischen Auflockerung” zu unterziehen. Außerdem bezieht unser lässiger und stets mit einer Sonnenbrille verhangene Playboy gemeinsam mit seiner noch Ehefrau Lidia und seinem über alles geliebten Elektroschrotthündchen “Tomaso” eine kleine, aber zugleich auch sehr feine und hochmoderne Wohnung in der Fellini Strasse 8 1/2 und hält für seine Jagden stets einen effektiven und hochexplosiven Hackentrick parat.

     

    Ihm gegenüber steht dann das Bond-Girl “Ursula Andress” (“RIVALEN UNTER ROTER SONNE”, “DIE DIAMANTENPUPPE”, “DIE WEIßE GÖTTIN DER KANNIBALEN”), die ihm dann auch sogleich den Kopf verdreht und dabei mit List und Tücke den Versuch unternimmt, ihn schließlich für ein vorgeschobenes Interview zum Thema “das Sexualverhalten des italienischen Mannes” vor die tödlichen Kameras zu bringen. Frau Andress mimt die zunächst männerhassende Jägerin mit voller Bravour und wartet schon gleich zu Beginn mit einem maschinengewehrintegrierten BH bekleidet, zu einem heißen Tänzchen in einer amerikanischen Bar auf, bevor es dann einige Minuten später zu ihrer letzten Jagd ins beschauliche Rom geht. Dort angekommen, beginnt dann auch direkt ihr perfides Täuschungsspiel mit dem zunächst ahnungslosen und zudem völlig rosarot bewölkten Marcello, wobei am Ende nur die beiden Frage offen bleiben, wer letztendlich diese 10. große Jagd überleben wird und wer jetzt hier eigentlich in wen verliebt ist....

     

    In weiteren Rollen können dann auch noch der unverwüstliche Massimo Serato („MORD EXCLUSIV“, „BLUTIGER SCHATTEN“, „GESTÄNDNIS EINER NONNE“) als Marcellos persönlicher Advokat Rossi und die bezaubernde Elsa Martinelli („...UND VOR LUST ZU STERBEN“, „NULL UHR 7 KOMMT JOHN HARRIS“, „NACKT ÜBER LEICHEN“) als verzückende, aber zugleich auch höchst nervtötende Liebhaberin bestaunt werden. Letztere entpuppt sich am Ende Films gemeinsam mit der geprellten Ehefrau Lidia als ein wahrhaftes Flintenweib, mit dem nicht gut Kirschen essen ist.

     

    Abgerundet wird das Gesamtbild dieses außerordentlichen „Mordsspaßes für die ganze Familie“ schließlich durch sehr prägnante Kompositionen von Piero Piccioni, die hierbei hauptsächlich aus loungigen Bossanova und Jazz Kompositionen bestehen und zudem mit feinster Beatmusik der 60er Jahre angereichert wurden.

     

    Fazit: „Trinke Ming Tee und Du lebst länger!“

  • Autor: Richie Pistilli
  • Veröffentlichungen:

    Auf dem deutschen Markt wird dieses bildgewaltige Meisterwerk von dem Filmlabel „Bildstörung“ in verschiedenen Auflagen angeboten: Neben einer grundsätzlichen BD und DVD Auswertung werden (bzw. wurden?) diese auch zugleich in einer Sonderedition im Schuber jeweils mit und ohne Soundtrack CD angeboten, wobei die reine DVD Auswertung zudem ein weiteres mal in einer abgespeckten Vanilla Edition auf den Markt gebracht wurde.

  • Autor: Richie Pistilli
  • Filmplakate

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